Unterwegs nach (N)irgendwo
Frankreich-Tour auf 8 Rädern
Samstag, 23. September 2000
Vor lauter Vorfreude wirkt alles wie im Film. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass alles
unwirklich ist. Es fängt schon damit an, dass das Wetter nicht besser sein könnte.
Der Himmel ist kidschig blau. Die Sonne grinst frischfröhlich auf uns runter. Unsere rauchenden
Pferde sind bepackt und uns kitzelt schon der Gas-Daumen.
Ein halber Monat Ferien steht vor uns! Unendliche Kurven und pures Fahrvergnügen warten
auf unsere Quads. Pünktlich um fünf nach zehn am Morgen fahren wir von unserem Heimatplaneten
Fideris ab. Die Weite des Universum namens Frankreich lockt uns.
Nach fünf Minuten Fahrt wird uns überdeutlich bewusst, dass der Sommer seine Tore
langsam aber sicher schliessen wird. Ein kalter Wind lässt unsere Finger ganz schön
steif werden. Aber ein Indianer kennt keinen Schmerz, und vorallem, wir nicht! Denn beiden
von uns lässt es der sture Grind nicht zu um anzuhalten und die warmen, flauschigen Handschuhe
zu montieren. Nein, jeder für sich beisst sich tapfer durch. Und siehe da! Entweder wird
es wärmer oder wir sind einfach hartgesottene Kerle.
Das heimatliche Gefilde wird Richtung Bündner Oberland mit dem wunderschönen Oberalppass
verlassen. Wir wollen Richtung Wallis. Von dort über den Forclaz nach Frankreich. Die
Natur ist um diese Zeit ein wunderschönes Märchen. Jede Bergkuppe, jeder Felsen,
der seine Pracht in den stahlblauen Himmel streckt, wirkt so nah, fast greifbar. Eindrücklich
wird mir bewusst wie schön die Schweizer Berge sind.
Unsere zwei Grizzlys schnauben
gemütlich den Furkapass hoch. Irgendwer hat wohl in den letzten Tagen hier alle Berge
mit feinem Puderzucker bestäubt. Der Kontrast zum Himmel, die Passstrasse vor der Nase,
die sich immer und immer höher schraubt, lassen einem einfach nur zufrieden und glücklich
sein. Und ganz oben auf der Passhöhe flippt unser Hund Jack vor lauter Freude, sich wieder
mal genüsslich in einem Schneefeld herumzuwälzen, förmlich aus. Nach zig Schneebällen
und steif gefrorenen Fingern, einem mit sich und der Welt zufriedenem Hündchen im Gepäck,
lassen wir den Schnee bald mal links liegen. Der soll uns nur bei der Heimfahrt nicht in die
Quere kommen, im Fall!
Die Fahrt ins Wallis ist kurzweilig, vor lauter Kurven dreht es schon fast. So könnt das
Leben immer sein! Drunten im Wallis landen wir im Filet. Ja, wirklich! Das Filet hatte per
Zufall einen Camping und wir suchten einen Camping. Und so waren wir eben im Filet! Pfff...und
jetzt nehm ich euch die Freude weg. Das Filet ist ein klitzekleines Dörfchen; und ist
sicher verdammt stolz auf seinen Namen, weil bestimmt jeder Gringo so seine Wortspielchen macht
und dieses Filet mit eben jenem Filet "verwechselt". Na ja, jedenfalls schlugen wir
unser Zeltchen auf und hatten Hunger. Aber ne, n'Filet gab's nicht...sondern Rehmedaillon und
Hirschenentrecôte, samt Vermicelles und - oh Schreck - meinen heissgeliebten Rösliköhlis...!
Sonntag, 24. September 2000
Tagwache um 7.15 Uhr. Und das in den Ferien. Was man(u) nicht alles tut...
Die grosse Zusammenpackerei dauert bei uns jeweils auch noch seine Zeit.
Und so stiegen wir genau um fünf nach zehn auf unsere Sättel. Doch siehe da, diesmal
waren wir beide einwenig ehrlicher und zogen beide die Handschuhe an... Das Wallis dankte uns
mit wunderschönem Wetter. Die Fahrt wurde nur durch Rauch- und Brünzlipausen unterbrochen.
Unser Ziel war es heute so weit wie möglich Richtung Chamonix und weiter zu donnern. Über
den Col de la Forclaz rein in die gute Stube. Boschur Fransss...nu somm la! Und wie...! Eins
kann ich euch sagen, wenn ihr die Berge genau so liebt wie ich, dann versteht ihr, wenn ich
bei der Pracht, die sich vor uns auftat fast Tränen gekriegt habe. Wir konnten bei diesem
Traumwetter jede einzelne Gletscherspalte, alle Yetispuren, ja jede Murmeltierkacke erkennen.
So klar war die Sicht. Und dann halt der Mont Blanc. Der weisse Berg. Man schaut ständig
nach ihm hoch, ein riesiger Haufen Stein, den man hier plaziert hat. Und ich bin sehr stolz
darauf, dass wir seine erhabene Pracht in ganzer Grösse sehen durften. Denn anscheinend
versteckt er meistens sein imposantes Gesicht hinter Nebel. Jedenfalls musste Felix wegen mir
an fast jeder Ecke anhalten um mal hier eine Gletscherspalte, dort einen Blick
auf den Berg mit der Digitalkamera festhalten. Bald mal nach Chamonix bogen wir wieder auf
unsere heissgeliebten Nebenstrassen weg. Ich weiss nicht, ob's nur am Wetter lag, aber die
Landschaft ist unheimlich schön. Teilweise beginnt der Herbst bereits seine Farbenpracht
in die Wälder hinein zumalen. Jeder Hügel, den wir erklimmen, schenkt uns einen noch
gewaltigeren Ausblick als der vorherige. Ich würde am liebsten..ach was, ich mach es ja
auch...den ganzen Tag strahlen, wie die Sonne. Es herrscht kaum Verkehr, sicherlich liegt es
auch daran, dass in der ganzen
Region hauptsächlich Wintertourismus betrieben wird. Und die Sommer-Saison auch schon
längst passé ist. Unser Camping finden wir heute in der Nähe von Beaufort.
In einer wunderschönen Talsohle gelegen. Links und rechts geht's steil die Berghänge
hinauf, ein schöner Wasserfall stürzt sich vor uns seinen Weg ins Tal. Wie immer
gibt's beim Campingbesitzer zuerst einmal das grosse Staunen und schon sind wir herzlich willkommen.
Schwupsdiwups geht das. Zu unserer Freude können wir das ganze Gelände mit einem
kleinen weissen Schimmel teilen, der schön behütet seine Runden in einem abgesperrten
Teil des Campings abtrotten kann. Doch die Ruhe dauerte nicht lange. Hilfe! Die Engländer
marschieren ein! Und das in Form eines alten Männchens ohne Gebiss mit einer noch viel
älteren verrumpfelten Dame in Begleitung. Und dann folgte purer englischer Humor, oh my
Dear. Bis sich dieser
Typ entschieden hat wo er sein stinkendes, rostiges, dieselgefülltes Vehikel plazieren
möchte, musste zuerst das Rösslein entfernt werden, weil er genau dort seinen Platz
auserkoren hatte, da dort die Sonne noch ihre letzten Strahlen hinsandte. Okey, Pferdchen wurde
abgeführt. Wir bekundeten unser Bedauern, der Campingman zuckte nur die Schultern, so
sei das eben mit den Touristen. Aber es kommt noch besser. Irgendwie passte dem Inselmenschen
das Plätzchen doch nicht und es dauerte wohl noch cirka fünf andere Anläufe,
bis er seinen Platz nun doch endgültig gefunden hatte. Gemeinsam mit dem Campingbesitzter
guckten wir diesem britischen Lagerwechsel zu und staunten über so viel Energie. Zu allem
Übel jammerte das englische Männlein auch noch, dass das Wasser zum Duschen zu kalt
wäre. Toll, dafür verbrannten wir uns dann später beim Duschen fast unseren
Pelz. Der Inhaber meinte es aber auch verdammt gut mit Thermostat aufdrehen. Rache ist wohl
heiss...Aber was soll's, wir knurrten gemütlich in unserer Zwei-Zimmer-Wohnung ein und
verdauten einen wunderschönen Ferientag.
Montag, 25. September 2000
Heute erklommen wir einen der höchsten Alpenpässe. Den Col de Iseran mit stolzen
2.770 Meter über Meer. Faszinierend grausam war die Fahrt bei Val d'Isère vorbei.
Wie können Menschen nur so schrecklich hässliche Gebäude in die Natur stellen.
Mir blieb ab und zu der Mund offen, weil es wirklich das Abscheusslichste war was ich bisher
in einem Hochalpental gesehen habe. Skitourismus ist ja schön und gut, aber es geht auch
anders. Hochhäuser und in solch potthässlichem Formen und Farben gehören nicht
dorthin. Schade, das da solche Auswüchse getrieben wurden. Das Dorf selber war fast ausgestorben,
überall wurde aber ausgebaut, saniert, gehämmert, Dächer repariert etc. Die
Ruhe vor dem grossen Winterstress. Zu unserem Übel waren halt auch dementsprechend alle
Tankstellen und Läden geschlossen. Das war unseren trinkfreudigen Tanks aber so ziemlich
egal, die wollten Nachschub. Und so
kam es wie es kommen musste. Oben auf der Passhöhe mussten wir unsere Reserevetanks anzapfen.
Die sind eigentlich im Jahresverlauf nur als Gegengewicht für die schwere Hundekiste gedacht,
können aber in Notfällen ganz schön hilfreich sein. Gell, gut, sind sie nicht
mit Wasser gefüllt? Die Fahrt über diesen Pass war gesäumt von Widerwillen und
Faszination. Einerseits muss das ein wunderschönes Skigebiet sein, andererseits wirken
die nackten Skelette von zig Seilbahn- und Skiliftmasten so grausam brutal und entstellend.
Unten im Tal fanden wir in Termignon noch einen offenen Camping. Brrr...die Nächte sind
bereits schon bitter kalt und vorallem voll lässig, wenn man plötzlich den unbändigen
Drang verspürt pinkeln gehen zu müssen. Nervig ist's vorallem, weil zu Hause muss
ich in der Nacht auch nie auf den Hafen. Aber schön ist es danach zurück in den warmen
Schlafsack zu kuscheln, die gletschkalten Hände ganz zärtlich und lieb beim Schatz
aufzuwärmen, sein Geschrei danach zu ignorieren und noch einwenig näher kuscheln...
Dienstag, 26. September 2000
Dreimaliges Brrrr...am Morgen ist es auch schweinisch kalt. Zaghaft wird der Reissverschluss
des Zeltes aufgezurrt. Aber was für ein Anblick! Der Himmel blauer als blau, nur die Sonne
mag noch nicht ganz über den Berg. Darum schmeckt eine heisse Milch um so besser und weckt
die Lebensgeister. Die ersten Sonnenstrahlen kippen rüber, die Feuchte der Nacht wird
langsam aber sicher verbannt. Wuah...das braucht die Seele! Gemütlich packen wir unsere
sieben (und hundert anderen) Sachen zusammen. Fahrroute immer gen Süden. Über die
drei Doppelpässe Col du Télégraphe, Col du Galibier
(Gallier und Bier...ho...ho...) und Col du Lautaret nach Briançon war unsere Tagesetappe
wieder von wunderschönen Gegenden eingerahmt. Um diese Zeit herrscht kaum Verkehr. Da
wir aber zeitlich eher spät dran waren, wurde es wohl die kürzeste Tour in diesen
Ferien. In Briançon fanden wir noch einen offenen Camping und nisteten uns ein.
Die meisten Camping schliessen Mitte
September und es war teilweise gar nicht so einfach einen zufinden. Café mit Cognac
wärmte schön brav auf und der Abend wurde recht gemütlich. Spätestens dann
als wir den deutschen Motorradfahrer Markus kennenlernten, drehten sich die Gespräche
dann bis spät in die Nacht rund ums Fahrzeug. Vergaser, Nockenwelle, Ventileinstellungen,
Wasser oder Oelkühlung...Glaubt mir, ich als Volllaie könnt jetzt glatt ein Radel
selber bauen...Ne, so krass auch wieder nicht, aber "jut" und interessant war es
jedenfalls.
Mittwoch, 27. September 2000
Am Morgen ging das Schrauben-Geplapper gleich weiter und die zwei Herren schwebten im siebten
Motorenhimmel. Markus ist ein kleiner "God of Motoren" und viele nützliche Tips
und Anregungen wurden weitergegeben. Beim Verabschieden wurden noch E-Mail Adressen ausgetauscht.
Man weiss ja nie....
Unsere Pässeroute umfasste heute den Col d'Izoard und weiter via Col de Vars nach St.
Paul. Berge, zerklüftete Täler, wind- und wettergeformte Felsen, die wie Säulen
und Türme in den Himmel ragten, pflasterten unseren Weg. Ein ausgiebiges Sonnenbad mitten
auf einer Wiese am Strassenrand gehörte dazu wie dann später die obligate Suche nach
einem offenen Campingplatz. Kurz vor dem höchsten offiziell befahrbaren Alpenpass in Europa,
dem Col da la Bonette, fanden wir in Barcelonnette einen. Koch Felix zauberte feine Cotelettes
auf den Tisch und nach einer heissen Dusche verkrochen wir uns bald in unser Himmelbett...chr...zipüü...
Donnerstag, 28. September 2000
Und wie uns Markus prophezeite, der Cime de la Bonette ist wirklich ein wunderschöner
Pass. Es geht immer hinauf und hinaufer. Tafeln am Strassenrand beweisen einem schriftlich,
dass man jetzt gerade auf 1585 Meter über Meer ist, n' paar hundert Meterchen und zig
Kürvchen weiter schon die Tafel mit 2500 Meter über Meer. Und weit oben siehst du
den Gipfel. Verlassene Militärbaracken sind stumme Zeugen, dass die meisten Pässe
von der Armee erschlossen wurden. Wohl ganze Regimenter pflügten den beschwerlichen Weg,
um diese Hochalpentäler befahrbar zu machen. Und es besteht die Möglichkeit, die
meisten dieser Militärwege, die in fast jeden Winkel der Hochtäler hineinführen
mit geländetauglichen Fahrzeugen zu erkunden. Und sicher findet man dann auch überall
die versteckten Bunker, die irgendwann dazu dienten fremde Eindringlinge zu erschrecken. Auf
solchen Pfaden eine Tour zu machen, ist sicher voll mega. Vorallem, weil du das in der Schweiz
glatt vergessen kannst solche Pfade zu "erfahren". Wir tuckerlten auf den offiziellen
Routen und ganz oben auf dem Pass, stolze 2.802 Meter über Meer, sah man so
weit das Auge blicken konnte. Wir hatten ein riesen Schwein jedesmal mit dem Wetter! Auf dem
letzten Abschnitt vom Bonette kommst du dir vor wie auf dem Mond. Kein Grasbüschel wächst
mehr auf dieser Höhe. Nur noch eine von Wind und Wetter geformte Steinwüste. Kaum
oben, wer braust mit seiner Africa Twin daher? Der Markus! Na, grüass Gott, der Herr.
Was für ein Zufall. Wir machten ab, dass wir uns irgendwo an einem Camping im Gebiet des
Verdon-Canyons treffen werden um die Tage gemeinsam dort zu verbringen. Gemeinsam genossen
wir die Rundsicht, die wohl kaum zu übertreffen war. Da wir mit unseren Maschinen und
dem bisschen Gepäck wohl ein wenig langsamer unterwegs sind als Markus, galoppierten wir
bereits voraus. Runter von diesen
hohen Pässen ist auch jedesmal speziell. Von den kargen Bergtäler runter bis zu den
saftigsten grünen Landschaften mit Ackerbau und Dörfern kriegst du die halbe Besiedelungs-Strategie
der Menschheit mit. In den Tälern Richtung Verdon, immer Richtung Süden, erwischten
wir teilweise solche Nebenstrassen, die so idylisch und einsam waren, dass wir schon Bammel
kriegten in einer Sackgasse zu landen. Doch irgendwann kommst du aus diesen wunderschönen
Seitenstrassen, die hoch oben in die Berghänge reingeklemmt sind, wieder auf die "normalen"
Strassen. Wir freuen uns jetzt schon auf den Anblick des Lac de Castillon. Und wohw...welch
ein Anblick! Die Wolkenbilder am Himmel zaubern den See in ein leuchtig silbriges Etwas. Wir
sind fleissig am phötelen, als Markus andüst. Er staunt, dass wir schon "soo
weit" gekommen sind. He, soo langsam sind wir dann auch wieder nicht! Wir wollen einander
gegenseitig übertrumpfen wer die schönere Route bis hierher gewählt hat und
kommen zum Schluss, dass wohl alle Routen hierher wunderschön sind. Spätestens aber
dann, als Markus erzählte, wie er oben auf dem Bonette, nachdem wir bereits abgefahren
waren, einen Steinaldler ganz nah beobachten konnte, werde ich doch noch ein wenig eifersüchtig
auf ihn...
Unsere Karawane zog weiter. Im schmucken Städtchen Castellane, dem Tor zum grandiosen
Schluchtenparadies Verdon, schlugen wir unsere Zelte auf.
Im Camping schlossen wir bald Freundschaft mit einem anderen deutschen Ehepaar. Er war ursprünglich
Franzose und hatte an uns dreien wohl seine Freude. Und wir an ihm, weil er einen solch herzlichen
Akzent sprach.
Am ersten Abend gingen wir drei auswärts essen. Ein kleines Beizchen im Städtchen
wurde angepeilt. Hm, lecker war's und zurück auf unserem Stützpunkt freute ich mich
in den flauschigen Schlafsack zu kriechen. Die anderen zwei Schnattertanten hielten es noch
recht lange aus und palafferten und palafferten...bis ihre Stimmen plötzlich von gannnzzz
weit weg kamen...
Freitag, 29. September 2000
Der Himmel war traurig. Er weinte und weinte, und wollte nicht mehr aufhören zu weinen.
Es goss wie aus Kübeln. Wätsch! Damit es nicht langweilig wurde, bauten Felix und
Markus gemeinsam ein deutsch-schweizerisches Projekt namens "Wie halte ich beide Zelteingänge
trocken und wer schläft heute Abend in einem Wasserbett". Gottchen, das ganze sah
einwenig abenteuerlich improvisiert aus, hat aber seinen Zweck voll erfüllt. Und lustig
sah das ganze auch noch aus.
Es giesst den ganzen Tag; mehr oder weniger. Eine Spritztour bei diesem Wetter lassen wir sausen.
Markus und Felix ereiferten sich an ihrem Motoren und ich relaxte im Schlafgemach vor mich
her. Auch das tat mal gut!
Zum Glück ging der nette Deutsch-Franzosen-Mann (sorry, ich weiss leider seinen Namen
nicht), auch für uns drei einkaufen. Die Einkaufsliste war jedenfalls sehr bescheiden,
wir benötigten nur Cola, Whisky und Brot. Lustige Zusammenstellung, gell? Denn heute Abend
wurden wir von Markus zum Spaghetti-Plausch eingeladen. Tropf, Tropf und nochmals Tropf. Die
über unseren Köpfen gespannten Blachen müssen ziemlich was aushalten. Irgendwie
wirkt das ganze gemütlich; und irgendwie ist es auch Scheisse, weil man nicht auf Touren
gehen kann. Na, auf jedenfalls verzogen wir uns in den Aufenthaltsraum des Campings, weil es
dort viel trockener zu und her ging als auf unserer pfützengefüllten Veranda vor
unseren Zelten. Wir drei genossen einen gemütlichen Feierabend bis es der Franzosen-Mann
wagte uns seinen heissgepriesenen Schaps zu offerieren. Wuah, es war und wird wohl so bleiben,
dass das der abscheusslichste Trunk war, den ich je meinem Gaumen angetan habe. Auf diese Medizin
kann ich glattweg verzichten. Und auf die Frage, wer denn nochmals ein "Schlummertrünkchen"
möchte, wurden die sonderlichsten Ausreden gefunden um den armen (geschmackverstauchten)
Manne nicht zu beleidigen. Zum Glück besassen wir noch einen kleinen Notvorrat Whisky
und konnten so unsere beleidigten Geschmacksnerven wieder einwenig beruhigen.
Samstag, 30. September 2000
Besser spät als nie. So irgendwie möchte ich unseren Trip beschreiben, den wir heute
gemeinsam mit Markus in die Verdon-Schlucht gemacht haben. Es war eine der eindrücklichsten
Farb- und Naturschauspiele, die ich erleben durfte. Erst gegen den späten Nachmittag wagten
wir es auf die Sättel zu steigen. Das Wetter schien zu ungewiss zu sein. Aber - es hielt.
Und wie! Es war als ob wir die Wolkentürme ob uns berühen könnten,
wenn wir uns nur noch ein bisschen
mehr reckten. Grandiose Lichtwelten
taten sich vor uns auf. Mal liebäugelte
die Sonne scheu hervor und verzauberte ganze Landstriche in ihren Bann. Manchmal schachtelten
sich die Wolkentürme zu endlosen grauen Gebilden zusammen. Es war eine Zauberwelt in die
wir hineingelangten. Wie in einer Märchenwelt, weit weg von der Realität.
Es war eine eindrückliche Art und Weise die Natur so zu erleben. Wir hielten an und staunten.
An jeder Ecke entdeckten wir einen neuen Blickwinkel um alles für immer und ewig auf Photos
festzuhalten.
Auf dem Heimweg, vorbei am Lac de St. Croix mit seinem smaragdgrünen Wasser, hineintauchen
in die Schlucht, an den grandiosen Felstürmen vorbei, die durch die endlose Kraft vom
Wasser und Wind so einmalig erschaffen wurde. Ein Paradies, was die Natur hier erbaut hat.
Wie ein Einblick in das tiefste der Erde.
Ein gewaltiges Abendrot liess uns träumen. Möge die Welt doch einfach mal stillstehen.
Möge alles Schöne immer so stark sein wie hier. Möge die Kraft, die uns diese
Bilder geschenkt haben ein kleiner Teil von uns werden. Für immer!
Sonntag, 1. Oktober 2000
Ich glaub's ja nicht! Es pisst schon wieder. Mann, müssen die oben im Himmel ein Fest
haben! Aber wir möchten hier unten auch unseren Spass. Und nach einem gemütlichem
Frühstück versprechen wir unserem Reisegefährten Markus, dass er heute bestimmt
sämtliche Filmrollen mit seiner Kamera verschiessen wird. Gesagt. Getan. Der Grand Canyon
du Verdon ruft! In Richtung La Palud fängt es schon an. Fünfzig Meter fahren, Photosession.
Weiter geht's. Auf dem Rundkurs, die Strasse ist teilweise ganz nah an die Felsabgründe
hineingehauen. Wunderschöne Blicke auf den Fluss Verdon, wie er sich seinen Weg durch
diesen Labyrinth schlängelt. Atemberaubend diese Ein- und Aussichten. Manchmal muss ich
lachen, wenn ich "meine" zwei Männer
beobachte. Wie Waschweiber aus dem Bilderbuch kommen sie mir vor. Es wird angehalten, kaum
ist der Motor still, der Helm runter, die Photokameras gezückt, wird drauf los geplappert.
Ich geniesse still daneben diese Landschaft und die beiden Herren erköstigen sich an ihren
technischen Raffinessen ihrer "Bildli-Macher", ereifern sich daran, schiessen wieder
ein paar Photos. Der Helm wieder auf, Motor gestartet. Ruhe, ahh! Knapp hundert Meter weiter.
Stillstand. Ausblick geniessen, Motor aus, und wieder: bla...bla...weißt du Markus, dass
bla...bla...! Und überhaupt...bla..bla...Aber auch, Felix, also in Deutschland ist das
so...bla...bla...! Hilfe, könnt ihr auch mal eine Minute schweigen, Waschweiber ihr!,
denke ich so vor mich her und finde das ganze doch natürlich irrsinnig herzig wie sich
diese zwei Jungs verstehen. Es ist ein sehr lustiger und schöner Ausflug geworden. Und
am Abend geniessen wir unser letztes gemeinsames Abendessen. Denn morgen müssen wir alle
drei wohl oder übel die Zeltstangen abbrechen und den Nachhauseweg unter die Räder
nehmen. Der Abend wird gemütlich wie immer und es kam glaub wieder so, dass die Waschweiber
recht spät den Reissverschluss des Schlafsackes zuzogen...
Montag, 2. Oktober 2000
Tschüss, Markus. Gute Reise und wir hören wieder voneinander, gell! Vier Tage hatten
wir gemeinsam erlebt und es war eine verdammt lustige Zeit zu dritt.
Die grosse Packerei begann. Wo hatte das alles nur vorher Platz? Nichts desto trotz häufelten
sich die Packtaschen zusammen und wurden aufgezurrt. Auf geht's! Markus mit seinem geschwinden
Radel würde wohl am Abend schon lange bei seiner Familie sein, wenn wir zwei Hübschen
noch irgendwo in den Tiefen Frankreichs einen Camping am suchen sind. Denn unsere Heimreise
konnten wir gemütlicher angehen. Eine ganze Woche stand noch vor uns! Und dementsprechend
kamen wir auch weit! Kaum von Castellane verabschiedet, fanden wir auf der Route Napoleon ein
solch gemütliches Beizchen...also da, mussten wir einfach unseren Hunger stillen. Das
Wetter war wieder richtig schön herbstlich. Obwohl diese Jahreszeit frisch und kühl
daherkommt, ist es eine der schönsten Reisezeit. Die Strassen gehören fast nur dir,
die Landschaften werden in die schönsten Farben eingetaucht. Und man kann endlos vor sich
her träumen und die Welt einfach nur geniessen.
Doch irgendwie merke ich eine Unruhe bei Felix. Der fährt und fährt, während
dem ich träume und träume. Will mein grosser Mann heute den Weltrekord im Langstreckenfahren
aufstellen? He, Mann, wir haben noch eine ganze Woche vor uns! Die Strassenkarte wird dauernd
hervorgeholt. Richtung Gap und Grenoble wäre das eigentliche Ziel. Von ihm! Aber nicht
von mir! Da oben werden wir noch früh genug ankommen. Im richtigen Moment machen wir eine
Pause. Die Karte wird nochmals einwenig genauer unter die Lupe genommen. Wobs, wie wär's,
wenn wir noch einen Abstecher zum Mont Ventoux machen, hm? Ja, haben wir denn schon Weihnachten?
Klar können wir das! Kurz vor Sisteron biegen wir links ab. Auf unserer, bereits schon
arg mitgenommenen, Strassenkarte sieht das Tal, in das wir hineinfahren, ziemlich "gerade"
und furznormal aus. Aber was für ein Tal! Wie ein kleines Wunderland. Sanfte Hügel,
schmucke kleine Dörfchen, die man wohl fast vergessen hat, dass sie existieren. Ein endlos
scheinendes Plateau auf der linken Seite, ein verstecktes Flussbett, das wohl dieses Tal vor
tausenden von Tagen erschaffen hat. Ich hab mich in dieses Tal verliebt. Vielleicht habe ich
mich auch in die Wolken verliebt, die den Himmel so abwechslungsreich gestalteten. Vielleicht
habe ich mich auch in all diese Farbtöne verliebt, die in diesem Tal zu Hause waren. Ach,
vielleicht bin ich einwenig melancholisch veranlagt. Aber halt trotzdem, dieses Tal hat es
mir angetan. Weg von der Strasse, einwenig offroad-mässig, suchen wir uns einen verträumten
Platz am kleinen Fluss. Der Hunger lässt grüssen! Am liebsten würden wir hier
das Zelt aufstellen und ein wenig "sein". Nur um diesen Zauber dieser endlosen Ruhe
zu geniessen und die Zeit mal nur Zeit sein lassen. Doch die Überzeugung, das der kleine
Fluss uns wohl wegschwemmen würde, wenn's in den Bergen oben regnen kommen wird, ist stärker
und so bleibt uns die Träumerei wie's wohl gewesen sein wäre, wenn...
An kleinen einsamen Bauernhöfen und Weilern vorbei, wand sich das Strässchen auf
eine kleine Passhöhe hinauf. Okey, jetzt oute ich mich endgültig. Ich habe mich in
diesen Teil der Provence verliebt. Jede Kurve, jeder neue Blick hat mich verzaubert. Dieser
Teil der Welt ist wunderschön um sich zu verlieben. Und es hatte sich wahrlich gelohnt,
diesen "Abstecher" zu unternehmen. Felix und ich genossen unsere Fahrt hinunter ins
Tal. Durch die alten Dörfern mit ihren Steinhäusern und verwinkelten Gässchen
zu fahren. Bereits konnten wir einen Blick auf den "Berg der Winde" erhaschen. Eigenartig
faszinierend wie er sich anzuschauen ist! Von weitem sieht es aus, als ob sein Gipfel mit Schnee
bedeckt sein würde. Doch wie sein Name schon fast verrät, ist es ein durch Wind und
Wetter entstandener "Kieselhaufen". Und das ganze in weisser Farbe. Schön, nicht?
Wir hatten uns bereits schon am Morgen entschlossen, dass wir heute das Zelt mal Zelt sein
lassen und uns ein Hotel oder eine Pension als Schlafgemach auswählen wollten. Überall
an den Strassen kann man die Tafeln für ""Chambres d'Hôtes" finden.
Und es wurde eine spannende Suche nach einem solchen "Fremden-Zimmer". Schon glaubten
wir, dass es schwieriger war als es aussah, brausten wir an eine Hinweistafel heran, die uns
lockte. Und wir hatten das Glück, in einem wahrlich alten provenzalischen Herrschaftshaus
zu übernachten. Wieviele Generationen haben wohl schon darin regiert? Umsäumt von
einem Park, soweit das Auge reicht nur Felder und Wiesen. Einer der ersten Herbststürme
mit eindrücklichen Windböen zog durch's Land. Durch die Baumwipfel rauschte und sang
der Wind. Eine wunderschöne Stimmung. Und nachdem wir die Hausherrin überzeugt haben,
dass unser Hund sich wie ein Lämmchen benimmt, gewährte sie uns Einlass. Im obersten
Stock erhielten wir unser gemütliches Zimmer. Mit eigener warmen Dusche. Juhui, endlich
können wir unsere Sachen, die im Camping nach dem Waschen partout nicht trocknen wollten,
aufhängen. Alle verfügbaren Kleiderhacken in den Schränken werden sofort mit
Socken, Unterwäsche und dergleichen voll belagert. Irgendwie sieht's dann im Zimmer bald
aus wie auf dem Camping. Aber gemütlich war's...und...brr...auch kalt. Tja, es war wohl
nix mit Wäsche trocknen. Dafür haben wir dem endlosen Wind durch das Fenster zugeschaut,
eine heisse Dusche genossen und waren danach sogar zu faul um nochmals raus zu gehen. Wohl
gegen 19.00 haben wir schon süss geträumt...
Dienstag, 3. Oktober 2000
Nur nochmal die Decke über den Kopf ziehen. Es ist sooo herrlich warm darunter! Und das
Zimmer wacker kalt. Aber tapfer wie wir sind, reissen wir uns am Riemen...und: gar nicht so
schlimm! Geschlafen haben wir wie die Murmeltiere und ein feines Frühstück, von der
Hausherrin serviert, erwartete uns. Der himmlischste aller Himmel-Honige der Honige dieser
Welt honigte unseren Gaumen runter. Eine Wucht war das, sag ich euch! Hmm... Schade, war ich
zu blöde zu fragen wo man diesen Honig kaufen kann. Aber ich denke, wir sind nicht das
letzte Mal hier gewesen.
Jetzt aber lockte uns endgültig der Mont Ventoux. Der Tag war wie geschaffen um heute
den höchsten Berg der Provence mit 1.900 Meter über Meer zu erklimmen. Kein Wölkchen
war am Horizont zu
entdecken. Haben wir auch wieder ein Dusel! Tja, wenn Engel reisen, lacht die Sonne...Aber,
klirr, die hat wohl aber schon mächtig Eiswürfel in ihren Strahlen. Eisig kalt war's
und wir zogen fleissig unsere Neckwärmer höher und höher über die Nase.
Aber belohnt wurden wir von einer fantastischen Fahrt hinauf und einer noch fantastischeren
Aussicht über die ganze Region. Deine Augen blicken eigentlich immer ungläubig zum
Gipfel hinauf. Der ganze Berg ist komplett mit weissen Kieselsteinen bedeckt und der Kontrast
zum blauen Himmel und den grünen Hängen unterhalb könnte nicht gewaltiger sein.
Die Aussicht reichte sogar bis zum Mont Blanc. Ein deutsches Motorrad-Paar begrüsste uns
freundschaftlich. Sie hätten uns schon unten am Grand Canyon entdeckt und meinten wir
seien wohl rechte Abenteurer. Ja, logisch, sind wir das; (und dann "meinten" wir
uns gewaltig). Und jetzt ganz fest die Brust rausdrücken vor Stolz. Tja, und somit wurden
wir wieder mal auf Photopapier verewigt mit unseren ATV's und unserem Jack und seinem "Häuschen".
Und immer schön die Brust rausdrücken, gell! Ein letzter Rundumblick und unsere Motoren
brummten los. Tschüüss...Auf der Fahrt runter genossen wir am Wegesrand die letzten
Käse- und Brotresten, teilten uns die drei letzten Cola-Tropfen und fühlten uns trotzdem
wie Könige. Eben ein richtiges Vagabunden-Leben.
Doch so weh es mir innerlich tat, mussten wir uns jetzt wohl oder übel auch auf den Nachhauseweg
machen. Es war noch eine lange Strecke bis nach Fideris. Und die Route schien nicht sehr anregend
zu sein. Wahrscheinlich weil mir die Strecke hinauf nach Grenoble, Chambery und Annecy landschaftlich
immer langweiliger vorkam. Viel zu viel Verkehr, meistens schlechtes Wetter, und noch viel
brutaler: mit schlechten Erinnerungen an die Frühlingsferien. Schluck. Irgendwie denke
ich, haben wir einen schlechten Draht zu der Region Grenoble. Vielleicht "spürte"
sie meine Abneigung. Vielleicht "ahnte" sie jeweils, dass ich mich am liebsten dadurch
"beamen" möchte, weil die Strecke viel zu lang war. Im Frühling blieben
wir zwischen Grenoble und Chambery wegen eines defekten Zahnriemens - notabene im grössten
Pisse-Wetter - hängen, mussten uns oh Schmach mit dem Abschleppdienst abholen lassen,
zusätzlich eine nicht eingeplante Hotelübernachtung in Kauf nehmen und waren DAS
Dorfgespräch in diesem kleinen Kaff, wo wir die Reparatur durchführen konnten. Und
der Regen regnete munter weiter. Zum Glück war mein Reisegefährter ein kluger Kerl
namens Felix und hatte einen Ersatzriemen dabei. Sonst hätte uns tatsächlich die
Heimreise mit Bahn und Co. geblüht, oder so was ähnliches...Und jetzt wisst ihr vielleicht,
warum ich diese Region partout nicht leiden kann...
Aber in diesen unseren Herbstferien schien es besser zu gehen. Denn...erstens...es regnete
nicht. Zweitens... kamen wir bis an die Stadtgrenze von Grenoble... und drittens... bemerkten
wir erst da, dass das Licht von Felix's Geschoss, geschweige die Blinker, nicht funktionierten.
Toll! Willkommen in Grenoble! Die Stadt hasst uns... und ich sie...! Und noch mehr hasse ich
Lichtanlagen, die nicht funktioneren; und noch viel mehr hasse ich gaffende Menschenmengen,
die gierig auf unsere zwei Maschinchen starren und überhaupt. Ich will nach Hause zu meiner
Mami!
Scheisse! Da waren wir nun. Auf einem kleinen Parkplätzchen mitten im Feierabend-Verkehr
einer Grossstadt. Wenn wir von jedem gaffenden Zeitgenossen, der blöde aus dem Auto herausgeäugt
hat und uns bei der vergeblichen Reparatur zugeglotzt hat, Geld verlangt hätten, wären
wir stinkereich. So waren wir leider nur stinkesauer. Und auch alles nochmal zigmal durchchecken
und sonst wo herumschrauben brachte das gleiche Resulat. Keine Ahnung wo sich der Hund versteckt
hielt. Kein Licht. Kein Blinker. Bald kein Tageslicht mehr. Eine Grossstadt vor der Nase. Ein
irres Feeling. Kein Bock darauf.
(Übrigends: viele liebe Grüsse an die Oberbastler von Mechanikern, die diese Blinkanlage
so klever angebracht und eingeklebt haben. Ich komm mal auf euch zurück...).
Und doch irgendwo durften wir uns nicht zu tief in die Augen schauen, sonst hätten wir
glaub tatsächlich angefangen zu gröhlen. Es ist doch wirklich wie verhext mit diesem
Grenoble. Jetzt blieb uns nichts mehr übrig als auf halsbrecherische Art auf die Stadtautobahn
zu gelangen, versuchen in diesem Heuhaufen von Autos und Lastwagen aneinander zu kleben wie
die Fliegen, und so irgendwie dieses geliebte Nadelöhr zu überwinden. Wau, und los
ging's. Ich glaub, ich bin noch nie im Leben jemandem, den ich mag, so dicht an die Stossstange
gefahren wie an diesem Tag meinem Schatzerl. Und vor lauter Eifer und Anstrengung an ihm dranzubleiben,
genoss ich das ganze auf eine perverse Art. Ich kam mir vor wie James Bond in einer Verfolgungsjagd.
Und wenn dann Felix vorne, "seine" Blinkzeichen mit den Füssen gab, war das
ganze sogar wieder auf der komischen Seite des Lebens anzusiedeln.
Yipie..eihe...das femaja-Team ist nicht aus der Ruhe zu kriegen. Und wir prügelten alles
aus unseren 600-er Boliden heraus, flogen nur so dahin auf dieser 4-spurigen Autobahn und waren
wohl schon fast so weit zu denken, dass wir es schaffen könnten. Aber...Achtung, wir sind
ja in Grenoble. Krr...doing...pätsch..knall...Was sind dass denn für hässliche
Geräusche von meinem Vordermann? Schiesst da jemand auf uns? Felix wird langsamer und
langsamer, das rechte Bein kommt zum Vorschein. Haben sie ihn getroffen, diese Schweinehunde?
Wo ist Kommissar Rex? Das Bein bleibt draussen, untrügliches Zeichen für mich auch
den rechten (echten) Blinker zu tätigen. Glück im Unglück. Eine Autobahnausfahrt
nähert sich. Auf dem Pannenstreifen kommen wir zum Stillstand. Herzklopfen bis zum Hals.
Was war geschehen? Ich steige runter, nehme hinter der Hundekiste Deckung. Schleiche mich langsam
vor. Ist Felix getroffen? Aufatmen. Er lebt. Keine Einschusslöcher. Puh. Glück gehabt?
Na ja, fast, sagen wir's mal so. Was soll denn heute sonst noch passieren, frage ich mich.
Dass das Geknalle kurz vor einer Ausfahrt passierte, erstaunt mich ein wenig, hat Grenoble
doch ein Herz? Auf jeden Fall liess sich der Motor wieder anstellen, und jetzt wusste ich auch
warum es so geknallt hat. Nein, es waren keine Autobahn-Cowboys, nein, nein, nein. Sondern
meinem Schatz hat es simpel und einfach den Kerzendeckel leicht gelöst und so wurde mitten
auf der Autobahn der Motor abgewürgt, weil kein Strom mehr zur Verfügung stand. Und
so kahm dann der Pannenstreifen zum Zuge. Und der Kerzendeckel wurde wieder dort raufgepfropft
wo er auch hingehört. Und wenn's mitten in Grenoble ist, er gehört dorthin! Amen.
Zu unserem Glück hatten wir aber tatsächlich das Schlimmste hinter uns: Die Stadt.
Die Ausfahrt war sogar die richtige und im Halbdunkeln, brandgefährlich und um keinen
Preis nachahmungswert, waren wir aus dem gröbsten raus. Die Autobahn lag hinter uns. Dank
ihr kamen wir nicht komplett in die Rush-Hour hinein. Nun lagen wieder sogenannte Landstrassen
vor uns. Eigentlich nichts besonderes, ausser man hat kein Licht und es wird immer dunkler.
Hotels, wo seid ihr? Warum um Himmels Willen brausen wir durch 3 Dörfer und keines hat
eine Pension, geschweige denn einen Camping? Die Dunkelheit arbeitet gegen uns. Und die einzige
offene Pension, die wir ansteuern auch. No, no, Hunde sind nicht erlaubt, pardon. Merde...zwei
Häuserblocks weiter vorne, war da nicht ein Camping angeschrieben? Also, nochmals im Blindflug
retour. Mancher Zeitgenosse verfluchte uns sicher schon. Ungefährlich ist das ganze ja
auch nicht. Aber wir konnten ja nicht mitten in einem Dorf anhalten und Schäfchen zählen.
Und jede Reparatur-Werkstatt die wir ansteuerten, schüttelte den Kopf, fand nicht heraus
wo was kaputt sei. Wussten kein Hotel, oder
wussten eines, das hatte aber Betriebsferien u.s.w. Mann, langsam kriegte ich Schiss. Der Camping.
Unsere letzte Chance. Aber - rien n'est va plus. Auch geschlossen. Und erst noch mit Videoüberwachung.
Judihui. Idee. Wir frusteten mal eine Zigarettenlänge und hielten Kriegsrat. Kommen wir
heute tatsächlich noch in den Genuss einmal wild zu campen? Oho, wir kamen. Und es stellte
sich heraus, dass es sogar ein gemütliches Fleckchen Erde war, wenn man mal die Brennesseln
und Co. wegdenkt. Wunderschön gelegen am Waldesrand, neben einem altem, verfallenen Stall
und durch ein Maisfeld geschützt. Weit genug weg von der Zivilisation, (und von grr...enoble).
So ein Vagabunden-Leben hat's wirklich in sich. Zum guten Glück hatten wir schlauen Cheipen
genug zu Essen. Es gab Ravioli zum Nachtessen. Der einzigste Food bei uns, der kein Wasser
brauchte. Milch in Hülle und Fülle und ein hyperglücklicher Hund, der sich zufrieden
im Gras wälzen konnte. Und nachdem wir diesen spannenden Tag nochmals Revue passieren
liessen, der's wirklich in sich hatte, schlossen auch wir bald unsere Äuglein.
Mittwoch, 4. Oktober 2000
Diese Stille um uns rum. Eigenartig. Wo sind wir? Ach ja, im Zelt. In unseren Ferien. Was kann's
schöneres geben. Um sechs Uhr morgens bin ich schon nervös. Wir müssen hier
weg. Verschwinden, weißt du, Felix, bevor uns jemand erwischt! Los, los, beeil dich.
Doch diesen Baum von einem Mann bringt wohl nichts aus der Ruhe. Der raucht mal genüsslich
eine. Toll, und ich sterbe innerlich fast weg. Aber bald finde ich auch, dass es sich nicht
lohnt zu eilen. Das windschiefe Zelt, das wir im Dunkeln aufgestellt haben, sieht schnusig
aus. Da reicht es auch noch alles einwenig stehen zu lassen und eine heisse Milch zu trinken.
Spätestens aber als ich in aller- nächster Nähe jemanden mit einer Motorsäge
arbeiten höre, bin ich innerlich wieder fast am drehen. Jesses, Felix, beeil dich doch
einwenig schneller, gell! Und irgendwann war alles wieder auf den Gepäckträgern verteilt
und wir abfahrbereit. Kein Krümel am Boden bewies unser nächtliches Lager, bogen
wir um den Stall herum auf die Ackerstrasse. Und mir blieb fast die Zunge stecken. Kreisch!
Felix, luag, da vornä isch öpper! Ich war wohl voll erschrocken. Woff, ein Auto stand
mitten im Weg. Was nun! Ach, einfach vorbei fahren und nett grüssen. Hm, versuchen kann
ich' s ja mal. Mit zittrigem Gas pirschte ich mich voran. Es ist der Motorsägen-Mann,
der sein Fahrzeug so parkiert hatte. Bonjour, Monsieur. Mit einer grüssenden Handbewegung
schlängelte ich mich an ihm und an seinem Jeep vorbei. Und Felix auch. Der arme Mann wusste
glaub gar nicht wo zuerst hinschauen, schon waren wir vorbei. Au Revoir, Maisfeld, hast uns
ein schönes Himmelbett geschenkt heut Nacht. Danke dafür.
Die Landstrasse samt Tageslicht hatte uns wieder. Unser grosses Ziel heute war bis nach Zürich
zu gelangen. Und irgendwie würden wir das auch schaffen, munterten wir uns gegenseitig
auf. Eine Werkstatt, die uns das gesegnete Licht schenken würde, fanden wir auch heute
nicht. Ja nu, was soll's. Noch ist nicht jeder Tag Abend, oder wie heisst das so schön.
Vorbei und durch Chambery ging es fast perfekt gut. So zügig kamen wir noch nie durch
diese Stadt. Ein gutes Omen? Die Landschaft wurde irgendwie wieder ein wenig gemütlicher.
Sogar unser Pannenort vom Frühling grüssten wir tapfer und hielten kurz für
eine Gedenkminute an. Im nach hinein, als sich sogar die Sonne scheu zeigte, wirkte der Ort
des Geschehens fast mystisch. Die SOS-Säule bekam von mir einen freundschaftlichen Klaps
als Erinnerung und ich schickte ein kleines Stossgebet gen Himmel.
Die Gesässbacken wurden an diesem Mittwoch auf's ärgste strapaziert, doch die Wegweiser
"Genève" lockten uns viel zu stark um grössere Pausen einzulegen. Wenn
wir heute Abend wieder nicht weiter kommen wegen dem Licht, dann wollten wir wenigstens in
heimatlichen Gefilden sein.
Doch es kam besser als gut. Unsere 8 Räder fanden den Weg fast alleine nach Hause. Und
das beste daran ist, sogar mit Licht! Und mit diesem "hellen" Wissen, dass das femaja-Team
unschlagbar ist, werden wir uns in neue Abenteuer stürzen.
Und wie! Wir lassen bestimmt von uns hören...
es grüsst herzlich
Euer
femaja-Team ©
printemps, 2001 ©femaja-team