Quer durch den Frühling Frankreichs
oder ...mit den Grizzlys auf den Spuren der
Gallier...
Unterwegs mit 4x4 ATV's
Wochenende Anfang Mai 2001
Wunschziel: der französische Atlantik. Schon immer.
Einmal diese steile Klippen bestaunen, die Brandung weit unten, die tosenden, brechenden Wellen.
Das wäre wunderschön. Der Himmel allein weiss es, ob wir das schaffen werden. Aber
wo ein Wille ist, da ist auch das femaja-team nicht weit...
Wir haben geschlagene 4 Wochen Zeit quer durch ganz Frankreich zu fahren.
Die Vorfreude darauf steigt ins Unermessliche. Die Packerei wird wie immer zu einer Orgie.
Wie soll nur alles wieder sein Plätzchen finden? Eigentlich wäre ein Lastwagen gar
nicht das Dümmste.
Derweil kriegt unsere neue Hunde-Box für Jack im wahrsten Sinne des Wortes ihren letzten
Schliff. Ich weiss nicht wieviele Arbeitsstunden Felix in dieses Polyester-Wunderding reingesteckt
hatte, es waren ziemlich viele. Aber die handwerkliche Glanzleistung und der Kampf gegen die
Zeit hatten sich gelohnt. Die Kiste ist und bleibt wohl ein riesiges Ungestüm, aber ist
längst nicht mehr dieses megagrosse schwarze Bauwerk von anno dazumal mit fast 100 kg.
Stolz prangt das neue Taxi von Jack auf seinen Sylentblöcken auf uns niedriges Volk herunter.
Erhaben wie ein Betonklotz auf Rädern...
Jack, unser belgischer Schäferhund, fühlt sich pudelwohl in seinem rollenden Haus.
Die Box ist bei jedem Wetter schön kühl, die Motorengeräusche sind best-
möglichst weg-isoliert worden und überhaupt: Felix, ich bin stolz auf Dich!
Und wenn wir schon dabei sind, kann ich ja auch gleich unser restliches Hab und Gut aufzählen,
welches an dieser grossen Fahrt teilhaben darf.
Also, da wären mal hundertundzweiundsiebzig Werkzeugsutensilien. Mindestens eine Akku-Bohrmaschine,
Spezialwerkzeuge, Magnetschalen, ein riesiger Luxus-Werkzeugkoffer, eine Materialschlacht von
Batterieladegeräten samt Batteriewächter, schusssicherer Batterie, einen Kühlschrank
mit
Schwingkompressor und halt so das übliche was man zum Campen braucht. (Frisbée,
Dartspiel, Badelatschen etc.).
Tja, das heisst auf französisch: Rien ne vas plus. Das Spiel möge beginnen...
Montag, 7. Mai 2001
Den Starter unserer beiden ATV's liessen wir fast gleichzeitig an. Brummel, Brummel. Das Abenteuer
kann beginnen! Die Bündner Berge und der Schnee verschwinden für die nächsten
Wochen aus unserem Blickwinkel.
Dienstag, 8. Mai 2001
Nach der letzten Übernachtung in einem "richtigen" Bett bei unserem Freund Moise
in Dübendorf kann es wirklich losgehen.
Hoch oben im Jura passierten wir die Grenze. Nicht ohne dass der Zöllner seine obligate
Litanei über unsere komischen Gefährte loswerden musste. "C'est qua ça?
Und: c'est interdit en France", so in diesem Stil. Ja, ja, wissen wir. Ätsch-bätsch.
Unsere Maschinchen sind in der guten alten Schweiz aber homologisiert und desshalb dürfen
wir. Nochmals ätschi-bätschi, Wir "dürfen" dann weiterdonnern.
Die Strecke zum Ferienhäuschen unserer Freunde Agi + René ist noch weit in den
Vogesen versteckt. Unsere Boliden donnerten an Dörfchen und Städtchen vorbei, immer
Richtung Bains-les Bains.
Und beim zweiten Anlauf fanden wir auch das niedliche kleine Häuschen, versteckt hinter
einem Bauernhof.
Und da wartete natürlich die grosse Überraschung! Unser Anhänger samt Klappzelt,
mit allen Campingsachen, Geschirr, Pfannen, Tisch und Stühle, Wasserkanistern u.s.w.
Gugus, da simmer! Na, schon vermisst, du kleiner Anhänger, du? Wir waren wieder vereint.
Unser glorreicher Zusammenschluss musste gefeiert werden!
Nachdem wir auf Baumann's kleinem Areal unsere Habseligkeiten komplett in alle Ecken verstreut
hatten, alles wieder irgendwo anders versorgt hatten, wurden, wie üblich am ersten Ferientag,
Spaghetti aufgetischt. Ein Gläschen Wein als Anpfiff unserer Ferien wäre nicht schlecht
dazu. Blöderweise waren alle Läden wegen einem Feiertag zu, so stiessen wir halt
würdevoll mit nem Gläschen Wasser auf unser Abenteuer an.
Die erste Nacht im Himmelbett wurde uns durch eine wahnsinnige Kuh, die nebenan unermüdlich
ihren Liebesgesang vortrug, auf eine lustige, aber hartnäckige Art, versüsst. Man
hätte meinen können, was der Geier, was die arme Kuh, die blöde, hatte.
Aber zwischendurch hatten wir wie die Murmeltiere geschlafen. Wir Menschlein im oberen Stock
und das Hundilein im Extra-Zelt einen Stock tiefer.
Mittwoch, 9. Mai 2001
Der Weckruf kam wieder von der Kuh. Kein Kikkerki, sondern ein herzzerreissendes
Muahamuhmauhmuhahuummmmuhundnochmalsvonvornemuh.
Ja, dann guten Morgen! Die Sonne lachte mit uns mit. Und mit der Sonne im Rücken brachen
wir auf zur Durchquerung von Frankreich!
Wie ein kleiner Zirkus zogen wir von Dorf zu Dorf. Durch ein wundervolles Frankreich im Frühling.
Wiesen, Wälder, Felder, alles blühte. Endlos scheinende Rapsfelder mit ihrem speziellen
Geruch säumten unseren Weg. Die Region Haute-Saône, Richtung Djion, immer auf kaum
befahrenen Hauptstrassen war ruhig und gediegen. Die Region Côte d'Or hat ihren Namen
bestimmt durch den Raps erhalten. Wie Gold stechen einem die riesigen gelben Felder ins Auge.
Verstärkt durch den blauen Himmel, den Kontrast zu den grünen Feldern, ein eindrückliches
Farbschauspiel.
In Venarey-les Baumes, nordwestlich von Djion, schlugen wir unser Nachtlager auf. Der neu erworbene
Pfadi-Kochkessel wurde mit einem feinen Ratatouille auf köstliche Weise eingeweiht.
Gespannt, welches Tier uns diese Nacht unterhalten würde, schlummerten wir ein. Irgendein
Nachtvogel, der fleissig die Tonleiter rauf und runterrutschte, half uns fleissig beim Vögel...äh...Schäfchen
zählen...
Donnerstag, 10. Mai 2001
Wohl keine Sekunde zu früh erwachten wir beide. Die Uhr zeigte zwar erst 7.15h. Aber wir
hatten so gut geschlafen, dass das wohl keine Rolle spielte. Vielleicht war es auch ein interner
Selbstschutz gewesen, der uns aufwachen liess.? Denn keine Minute später heulten Sirenen
lauthals neben uns auf. Herjee! Was war denn das? Neben uns floss der Canal de Bourgogne. Lief
der etwa über? War das Wasseralarm? Mensch, wie kann man am Morgen so brutal sein?
Des Rätsel's Lösung kam wenig später, Ich weiss nicht wieviele Feuerwehr-Autos
auf der Gasse waren und heulend in der Ferne verschwanden. Aber es hat gereicht um endgültig
aufzustehen. Tschüsi warmer Schlafsack, bis am Abend.
Unsere heutige Tagesetappe hat uns im nachhinein selber überrascht. Erstaunlich von der
Distanz, und von unserer Routenplanung. So in etwa einmal links, einmal rechts abbiegen. Grundrichtung
irgendwo an den Atlantik!
Dies war wohl tief in unserem Innern das Hauptziel. Bestimmt haben wir einige Sehenswürdigkeiten
im Burgund unbemerkt links (oder rechts...?) liegen gelassen. Aber alles kann man gar nicht
sehen, und sehen wollten wir mal grundsätzlich das Meer. Punkt.
Durch den umwerfenden "Parc Naturel Régional du Morvan" (ausser Bäumen
und Wäldern sahen wir keinen Unterschied zu der restlichen Landschaft), ging's weiter
Richtung Loire.
Die Region Loire werden wir uns für den Rückweg aufsparen. Einer der letzten wild
belassenen Flüsse Europas muss man sehen. Und natürlich seine Schlösser. Wau,
darauf freu ich mich jetzt schon.
Auf unserer heutigen Route kamen wir dem Gebiet der Flüsse Loire, Indre, Vienne und Cher
schon recht nahe. Und schon bald begann ich wie ein Radargerät hin- und herzuschwenken.
Wer weiss schon hinter welchem Waldstück ein Schlösschen auftauchen könnte?
Wir waren im Zentrum Frankreichs (Centre) angekommen. Ein schönes Gefühl. Ein ferienmässiges
Wahnsinns-Gefühl. He, wir zwei Verrückten, mit unseren Quads, mit dem Hund hintendrauf!
So in etwa fühlte man sich, wenn die Leute in den Dörfern in den Strassencafés
vergassen die Zuckerdose abzustellen, wenn die Bauern auf den Feldern mit offenem Munde stehen
blieben und ihre Arbeit ruhte, wenn ganze Schulhöfe leergefegt waren, weil alle Kinder
am Zaun hingen und uns lachend zuwinkten.
Es ist eine abwechslungsreiche und offene Art so zu reisen. Praktisch allen Menschen, an denen
wir vorbeifahren, können wir ein Lächeln entreissen. Bei jedem Halt werden wir bestaunt.
Manche bleiben wie angewurzelt stehen, andere winken uns zu, zeigen mit dem Daumen nach oben
und rufen "bonne route". Gute Reise. Viele fragen was die Kiste hintendrauf beinhaltet
und wenn wir ihnen lachend erklären, sie sollen auf die andere Seite laufen und selber
schauen, sind sie völlig hingerissen. Eine Box mit einem Wolf drin! Ja, das ist dann "änkräiahbll"!
(für die des französisch nicht mächtigen: "des isch jo fesch...").
So kommen wir immer wieder in den Genuss Land und Leute kennenzulernen. So stellen wir uns
das Reisen vor. Staunen und bestaunen. Aufnehmen, was es alles gibt auf der grossen Welt und
es geniessen. Dieses schöne, verrückte Leben zu erleben!
In Vatan, westlich von Bourges, fanden wir einen Camping. Eine kleine Karawanen-Stadt mit fahrenden
Arbeitern hatte sich dort bereits niedergelassen. Nach anfänglichem Zögern belagerten
uns dann bald alle Männer dieses Clans. Alle redeten wild drauf los. Als sie sich überzeugen
konnten, dass unser Hundchen ein lieber Kerl ist, ging's erst richtig los. Fragen über
Fragen, querbeet durcheinander. Irgendwie ziemlich anstrengend, wenn man nicht so schnell in
ihrer Sprache drauflos antworten kann, aber amüsant. Und irgendwann waren wir am Zuge
und fragten wo's wohl am schönsten sei am Atlantik etc. Obs, dass sie sich fast in die
Haare kriegten, wo wir am besten hinfahren sollten, und wo nicht, hätte ich nicht so leichtfertig
gefragt. So konnte ich wenigstens wieder mal eine richtige französische Konversation mit
allem Drum und Dran erleben. Und das klingt wunderschön. Irgendwann landeten die Herren
wieder auf dem Teppich und trotzdem...wir zwei wussten nicht genau, wem wir jetzt hätten
zuhören sollen, weil alle miteinander drauflos debattierten.
Wie so üblich wurden wir auch diese Nacht unterhalten. Aus dem gegenüberliegenden
Bungalow, wo sich eine Dame ihren Frust mit Möbel rumschieben abreagierte, kamen die hässlichen
Geräusche her. Erstaunlich war, dass in einem so kleinen Gartenhäuschen so viel und
sooo laut etwas herumgeschoben werden konnte. Das Lachen konnten wir uns trotzdem nicht verkneifen,
wenn es drüben wieder anfing zu rumpeln. Hobbys gibt's.
Freitag, 11. Mai 2001
Also, wenn wir schon im Loire-Gebiet sind, muss mindestens ein Schloss jetzt schon bestaunt
werden. In Valençay bot sich mir die Gelegenheit. Das "Château de Valençay".
Felix und Jack (diese Banausen) blieben auf dem Parkplatz, während dem ich mit Kamera
bewaffnet, in die königliche Zeit der alten französischen Schlossherren eintauchen
durfte.
Nur schon meine eigenen Schritte auf der kieselbedeckten Parkallée zum Schlosseingang
liessen mich abschweifen. Wie mondän und überdimensional diese Anlagen gebaut wurden!
Wir sind durch so viele kleine Dörfer gefahren, noch mit Pflastersteinen besetzte enge
Gassen, verwinkelte, ganz nah aneinander gebaute alte Steinhäuser. Fast konnte man daraus
das alte Dorfleben herauslesen. Alte Gutshöfe, mit schönen gemauerten Kornspeichern.
Und dann hier in diesem Château dieser Überfluss an Platz und Raum.
Mit Ehrfurcht und grossen Augen schritt ich weiter. Wurde dort, wo früher sehr wahrscheinlich
der Adel mit Handkuss und Kniebeuge empfangen wurde, erstmals durch Eintrittsgeld erleichtert.
Auch das muss wohl sein, sonst würde nicht alles so schön hergerichtet sein.
Die Gartenanlage ringsherum bot wohl alles, was zu dieser Jahreszeit blühen konnte. Alle
Sträucher schön in Reih und Glied, Büsche genau symmetrisch zurechtgestutzt.
Hier war die Natur fast überlistet worden. Im Park nebenan grasten friedlich Dammhirsche.
So wird es wohl schon immer gewesen sein.
Ein eingebildeter Pfau stolziert erhaben an mir vorbei. Er darf auf den fein säuberlich
geschnittenen Rasen. Ich nicht. Ich stolziere auch an ihm vorbei. Merke, dass ich mit meinen
schmutzigen Cargo-Hosen und der Baseballmütze wohl eine ziemlich klägliche Version
einer Schlossherrin abgebe; und jage ihn zum Trotz ein wenig vor mir her...
Die Eingangshalle widerhallt fast. Mit einem Audiogerät könnte ich die ganze Geschichte
dieses Schlosses von Zimmer zu Zimmer selber entdecken. Aber das lass ich sein. Mein Kunstdenken
geht so weit, dass ich "nur" schauen möchte. Meine eigenen Gedanken schweifen
lassen kann wie die Bewohner von damals mit ihren seidigen Roben durch diese endlosen Gänge
gerauscht sind. Auf den übergrossen Porträts ist es unschwer zu erkennen, wie eingebildet
und selbstherrlich diese Menschen teils gewesen sein mussten. Kalt und arrogant blicken sie
für immer und ewig aus ihren Bildern heraus auf mich und die leeren Gänge. Es ist
faszinierend in diese Gesichter zu blicken. Und gleichzeitig erschaudert es mich.
In der Küche, tief unten im kalten Keller versteckt, liegen noch alte Menue-Karten bereit,
einst für ein grosses Dinner vorbereitet und hergerichtet.
In den Schlafgemächern alles so hergerichtet, als würde die kleine Duchesse gleich
reinstolzieren um ihr Gewand zu wechseln. Im Musikzimmer taucht man mit klassischer Musik im
Hintergrund in jene Zeit ab, wo hier kleine Konzerte auf dem alten Klavier vor erlauchtem Publikum
gehalten wurden.
Auf jeden Fall ein Besuch wert, wer sich für die alte Geschichte einer ruhmreichen Epoche
interessiert, mit all ihrem pompösen Denken und den vielen Intrigen und Geschichtchen.
Ich bewunderte Felix, dass er Geduld hatte so lange auf mich zu warten. (was blieb ihm auch
anderes übrig...). bis ich meinen Trip in die Vergangenheit beendet hatte.
Ich hätte wohl noch tausendmal anhalten können um all diesen Wegweisern mit der Aufschrift
"Château" zu folgen. Bei einem konnte ich es mir nicht verkneifen. Das sagenumwobene
Wort "Pyramide de ... irgendwas" lockte mich. Was könnte das wohl sein? Mit
Blinkzeichen zwang ich Felix anzuhalten. Wie ein kleines Kind setzte ich meinen Unschuldsblick
auf und sagte: "Will Pylamideh schauen gehn, bitteee!" Okay, geboingt. Wir frästen
durch die alten königlichen Wälder zurück und biegen den Wegweisern Richtung
Pyramiden nach. Die Strassen sind schnurgerade angelegt. Von weitem sehe ich etwas. Ganz gespannt
gebe ich weiter Gas. Das Ding rückt näher. Wobs! Eine kleine Säule mit einer
runden Kugel oben drauf steht am Wegesrand. Ja, aber...das kann es wohl nicht gewesen sein,
oder? Also ich tue mal nichts dergleichen und fahre weiter. "Meine" Pyramide kommt
schon noch, ganz sicher. Die Strasse endet. Meine Mundwinkel können sich nicht entscheiden
ob sie nach oben oder nach unten wollen, halte ich an. Felix braust heran und bricht in schallenden
Gelächter aus. Pyramide? Ho...Ho...HaHaHa...da ist ja unsere Fahnenstange zu Hause mit
zwei Meter Höhe noch grösser; und die hat wenigstens eine Funktion...Ho...Ho...HaHaHa...,
die hält nämlich den Birnbaum...Ho...Ho...HaHaHa...!
Okay, okay, find's auch komisch. Habe zwar nicht gerade die Pyramiden von Ägypten im Auge
gehabt, aber wenigstens etwas in diese Richtung. Zahnstocher mit Golfbällen obendrauf
kann ich auch errichten. (Die wahre Bedeutung dieser Säulen habe ich nicht raus gefunden...sorry).
Also fahren wir weiter. Beide immer noch ein Grinsen im Gesicht. Die einen ein schmollendes,
die anderen ein hämisches.
Einmal entdeckte ich noch ein Schild mit Wegweisern zu einem Labyrinth. Wage es aber nicht
Felix nochmals Blinkzeichen zum halten zu geben. Die vorherige Schmach sass noch zu tief...Wer
weiss, was sich dahinter versteckt hielt?
Über den Fluss Vienne kamen wir dem Atlantik schon wieder einen Resten näher. Langsam
aber sicher wollten wir bald mal auf Campingsuche gehen. Doch zuerst musste natürlich
wieder mal was passieren. Kläng. Brummel. Brummel. Kläng. Guten Tag, Antriebsriemen,
auch zu Hause? Was uns vor einem Jahr fast 2 Tage gekostet hatte, mit allen Umtrieben und Frust,
hat Felix - der Obermech - in knapp 2 Stunden am Strassenrand wieder hingekriegt. Mir, besser
dem Quad, hat's klassisch den Antriebsriemen abrasiert, im Pully waren die Metallringe aus
der Fassung und ich hatte einen Heidenschreck. Tschüss Ferien, tschüss Atlantik,
hallo TCS. Aber denkste, jetzt weiss ich warum Felix so viel Werkzeug mitschleifen wollte,
samt Spezial-Werkzeug für das Pully. Und ich schwor da, dass ich ab sofort nie nie mehr
einen blöden Spruch über soviel "unnötiges Gewicht" in unserem Reiseköfferchen
loslassen werde. Nie mehr, Ehrenschwörenwort! Wir haben alles gebraucht für die Reparatur.
Und das ging erst noch zagzag.
Und mein Grizzlylein brummelte darnach wieder frischfröhlich vor sich her. Und einen Camping
fanden wir gegen 22.00 h auch noch. In Celles-sur Belle; schon ganz nah am blauen Papier auf
der Strassenkarte...
Samstag, 12. Mai 2001
Also, heute sehen wir den Atlantik! Ganz bestimmt. Wir sind ganz kribbelig. Mit Hilfe der Landkarte
entscheiden wir spontan, dass wir die Insel Oléron (l'île d'Oléron) unterhalb
von La Rochelle ansteuern werden. Gesagt. Gefahren. Tatsächlich eine Insel. Klingt gut,
gell?
Die Stadt Niort umfahren wir grossräumig. Städte meiden wir so gut wir können.
Erstens wegen uns und Jack, zweitens wegen dem Verkehrsaufkommen und drittens, weil's auf dem
Lande viel schöner ist zu fahren.
An einer Tankstelle war zwar noch mal kurz Schockzeit! Wow. Unschuldig und nichtsahnend halten
wir an. Kaum runter vom Sattel, belagern drei finster dreinblickende Gendarmen Felix's Maschine.
Sie möchten die Papiere sehen und zwar zackig. Als Felix ihnen zuerst die Kopien zeigt,
winken sie forsch ab. Non, non, les originals! Ja gugus, die habe ich...Wir müssen die
Tankstelle räumen und auf den Parkplatz fahren. Et voilà, Monsieur, unsere Papiere.
Natürlich kann ich plötzlich nichts mehr verstehen. Französisch sprechen? Ich?
Non, sorry, nur un peu verstehen, comprendere Monsieur?! Zuerst einmal zaubere ich die Identitätskarten
hervor (die sehen in ihrem Kreditkartenformat so modern aus...). Das reicht noch nicht. Dann
die Führerausweise; fürsorglich tippe ich auf das französische Wort "Führerausweis",
mache eine ganz hilfsbereite Miene dazu. Zeige den Anhängerausweis, lalle was von "numéro"
und weise wichtigtuerisch auf das Nummernschild und sage "là". Derweilen fangen
sie langsam aber sicher an aufzutauen. Ihnen wird Ausweis um Ausweis bewusster, dass wir mit
unseren treuen Reisegefährten tatsächlich auf ihrem Hoheitsgebiet offiziell und ohne
Wenn und Aber herumkurven dürfen. Ach, ich liebe das Wort "homologé en Suisse"
nachzuplappern. "Oh wih, omologeh, oui...drive en France...wi..wi...possible." Und
jetzt ganz fest und gaannzz nett grinsen...Und weil sie jetzt sooo nett waren, "versuchte"
ich ihnen zu erklären, dass wir an den Atlantik wollten. Und das Wort Atlantik im schönsten
Schweizerdialekt, so herrlich mit dem berühmten krachenden "K" am Schluss: Athlanikkkk.
Sie liessen uns zotteln, wünschten eine weitere gute Fahrt. Puah...war gar nicht so schlimm.
Und als sie merkten, dass Jack seine eigene Kiste hatte, grinsten sie alle drei.
An einem Kreisel standen "unsere" Flics wieder und winkten uns eifrig zu, in welche
Richtung wir fahren müssten um den AtlantiKKK zu finden.
Und wir fanden ihn. Nach der Ortschaft La Palmyre. Halleluja!
Zuerst einmal nur Dünen und Sand. So weit das Auge schauen konnte. Das Meer. Wir haben
in nur 5 Tagen von Graubünden aus den französischen Atlantik erreicht! Willkommen
femaja-Team! Mit dem hätten wir nie gerechnet in dieser kurzen Zeit. Und es war ein erhabenes
Gefühl dort zu stehen. Die Meeresbrise einzuatmen, das Auge einfach schweifen zu lassen.
Fantastisch! Wir haben den atlantischen Ozean erreicht!
Über ein riesiges Viadukt brausten wir der Sonne und der l'île d'Oléron entgegen.
Dieses Gefühl koste ich jetzt in diesem Moment noch aus. Wir drei Landeier sind auf einer
Insel. Das klingt so verrückt wie es ist.
Versteckt in einem kleinen Dorf fanden wir einen schmucken Campingplatz. Der Inhaber schmunzelte
uns an und war vom ersten Augenblick an in Jack verliebt. Unser Plätzchen fanden wir ganz
hinten versteckt, idyllisch an einer hohen Wiese angrenzend. Dass das wohl die dümmste
Auswahl war, fanden wir erst später heraus, als die Mücken uns freudig als ihr Nachtmahl
genossen. Versteckt hinter den Büschen dümpelte friedlich ein kleines stillgelegtes
Abwasserkanälchen vor sich her. Den Abend genossen wir beim schönsten Abendrot mit
feinem Wein, Grilladen und Mückenspray.
Selbstverständlich zwang ich Felix nochmals an den Strand. Das Rauschen des Meeres ist
und bleibt eine wunderschöne Naturmelodie. Und beim Einschlafen im Hintergrund das Brechen
der Wellen zu hören war auf jeden Fall ein zufriedenes Lächeln wert.
In der Nacht stellten wir amüsiert fest, dass Jack nie und nimmer ein Windhund werden
wird. Eher ein Heulhund.,, Wie's so auf einer Insel ist, stürmte es ein bisschen (gar
wacker fest). Wir leichtfertigen Landratten hatten für heute Nacht das Zelt von Jack nicht
mit Bodenhäringen befestigt und da hat's dem armen Hund wohl die Zeltwände ganz schön
um den Pelz gewedelt. Zwischen den kurzen Windflauten hörten wir vom unteren Stock verzweifeltes
Winseln und Fiepen. Oh je, Jack war im Elend. Es stürmte aber auch heftig. Und so kam
es wie es kommen musste, wir "durften" unser Bettchen mit dem Hund teilen. Er auf
der einen Seite, mit sich und der luftigen Welt draussen, wieder zufrieden, wir zwei (d.h.
vorallem die arme kleine zarte Manu) zusammengequetscht auf der anderen Seite. Bonne nuit!
Sonntag, 13. Mai 2001
Heute war der faulste Tag bis anhin. Wir frühstückten genüsslich. Haben die
Wäsche gemacht. Das Mittag gegessen. Herumgefaulenzt, das Abendessen verdrückt, danach
gefaulenzt und waren dann so müde, dass das Klappzelt bald mal entfaltet wurde. (Diesmal
schön der Reihe nach: Wir oben. Jack unten. Samt vernageltem Zelt).
Montag, 14. Mai 2001
Adieu, schöne Insel von Orléan. Adieu, blauer Himmel. Läck mir, in der Ferne
donnerte es schon mächtig. Madame Campinginhaberin warnte auch, denn der Wetterbericht
sagte für heute Sturm und Regen an. Vorsorglich wechselten wir in die, unserer Meinung
nach, regensichere Kleidung um. Kaum zwei Kilometer gefahren, klatschten die ersten satten
Tropfen auf unsere Köpfe. Das fitzt gang schön! Nach kurzer Lagebesprechung beschlossen
wir den Leuchturm-Besuch auszulassen um so rasch als möglich der Gewitterfront zu entfliehen.
Dachten wir jedenfalls. Den erstens kommt es anders als zweitens man sich über den kürzesten
Weg zum Viadukt fast in die Haare kriegt. Das klägliche Resultat war jedenfalls, dass
wir mitten in einen Hagelsturm gerieten, die Strassen vollständig mit kleinen, weissen,
sehr sehr glitschigen Eiskugeln bedeckt waren und wir bis auf die Haut klatschnass waren. Totale
Ferienstimmung. Jeder von uns behauptete die nässeren Unterhosen zu haben als der andere,
schwangen uns aber tapfer wie die alten Ritter auf unsere Sättel um die Gratisdusche von
oben zu geniessen. Zu allem Übel pfiff noch ein verdammt bissiger kalter Wind, der uns
das Fahren um so mehr erschwerte. Frustig war, dass man weit hinten einen fast blauen Himmel
erkennen konnte. Wir und der Sturm jedoch zogen schön gemeinsam Richtung Viadukt. Immer
schön beieinander. Manchmal trafen wir Stellen, wo der Regen einen Umweg machte, oder
umgekehrt. Denn jedesmal, wenn wir für eine Pause anhielten um uns innerlich wieder mental
aufzubauen, das es nicht schlimmer werden könne, die trockenen Abschnitte genossen, rasselten
wir wieder in den Sturm hinein. Der blöde Trottel verfolgte uns richtig. Musste der ausgerechnet
in die gleiche Richtung wie wir?
Und jetzt was für alle Damen ( in eigener Sache):
Kennt ihr auch dieses eifersüchtige Gefühl, wenn Männer Pipi machen, nur ihren
Lümmel raushängen müssen und wir armen Geschöpfe uns aus allem herausschälen
müssen? Ist ein irre angenehmes Gefühl danach die klitschnassen Kleider jammernd
wieder hochzuziehen. Ich wäre da für mehr Gleich-
berechtigung. Vorallem, wenn man dabei im Hintergrund noch fieses Lachen hören muss...
Wir mussten wohl oder übel die Stadt Rochefort so gut es geht umfahren. Und das dachte
sich der Sturm wohl auch...
Trotzdem kämpften wir uns, zwar schon ziemlich verfroren, weiter. Wäre ein heisses
Bad und ofengewärmte Kleidung jetzt was schönes. Oder Liegestuhlferien auf den Bahamas?
Achherjemineh...
Doch irgendwie hat alles irgendwann ein Ende, oder? Unseres kam so plötzlich wie der Sturm
begonnen hatte. Zoing, und der blaue Himmel war da! Und ein kleiner Rastplatz, welch ein Zufall,
auch. Dieser "heilige" Platz wurde bald auf allen möglichen und unmöglichen
Orten mit unseren nassen Sachen vollgekleistert. Hosen, Jacken, Socken und noch vieles mehr
hängten bald frischfröhlich in der wärmenden Sonne. Der Himmel war wieder stahlblau,
als ob nichts geschehen wäre. Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr raus. Jack, der in
seiner gemütlichen trockenen Heija wohl aber auch rein gar nichts mitbekommen hatte, was
wir draussen durchmachen mussten, schaute mit seinem verächtlich trockenen Pelz unsere
glücklichen Gesichter nur blöd an.
Mit einer heissen Suppe und als Dessert einen Salat machten wir uns selbst wieder sehr zufrieden.
Heute konnte uns nichts mehr erschüttern.
Die Weiterfahrt war ein Genuss. Bald waren wir wieder auf unseren geliebten Nebenstrassen und
genossen den Fahrtwind. Ein herrliches Gefühl mit trockenen Kleidern am Leib. Unsere Route
führte weiter nordwärts, Ziel immer so nah wie möglich der Küste entlang.
In Faute-sur Mer ging unsere heutige Tagesetappe zu Ende. Wir waren wohl fast die einzigen
Gäste. Einzig die nimmermüden Guguser (eine endlos johlende Vogelart), die uns auf
jedem Camping begrüsste, waren schon dort und willkommten uns mit ihrem endlosen "
Guh..Guh..GuhGuhGuh". (Bei Wunsch können wir euch gerne mal vorsingen, wie das klingt).
Ist unsere Lagerlied geworden...
Schon bei der Anfahrt sah ich die nahen Dünen. Und dahinter das weite Meer. Das konnte
nur ein phantastisches Abendrot werden. Und obwohl unser Nachtessen himmlisch war, habe ich
es richtiggehend runtergeschlungen. Dieses Schauspiel wollte ich nicht verpassen. Felix trödelte
extra langsam herum um mich zu ärgern. Er fand seine Schuhe "plötzlich"
nicht mehr, die Kamera hatte "anscheinend" fast keine Batterie mehr, das und dieses.
Und überhaupt, ich räche mich irgendwann fürchterlich...
Ich "finde" seine Schuhe, trage die Kamera selber und renne ihm immer zehn Schritte
voraus. Wie ein aufgeschrecktes Moorhuhn hasple ich Richtung Meer. Immer den Blick Richtung
Sonne, um ja kein Detail deren Verfärbung zu verpassen. Felix amüsiert sich köstlich
über meinen Stress. Einen Weg über die Dünen zu finden, war gar nicht so einfach,
und vor allem für Felix, dieser Wandermuffel, vieellll zu lang. Ständig musste ich
was neues schwören, was ich einmal für ihn tun werde (intern: kicher.kicher), wenn
er nur jetzt mal ein bisschen schneller laufen würde, nicht immer bei jeden Schritt jammern
würde u.s.w.
Die Region, hier in diesem Teil des Landes wird im Juli/August wohl von Touristen überschwemmt
sein. Ein weisses Beton-Ferienhäuschen mit verschlossenen Fenstern reihte sich an das
andere. Die kleinen Vorgärten dürr und trostlos. Verdammt dazu für 2 Wochen
im Jahr irgendwelchen Menschen ein Ferienspass zu sein. Verachtend stolzierten (die einen galoppierten)
wir an diesen archetonischen Glanzleistungen vorbei. Endlich fanden wir einen begehbaren Weg
durch die Dünen. Diese sind von der Ferienhäuschenpromenade durch eine undurchdringliche
Sumpf- und Süsswasser Seenlandschaft getrennt. Jedenfalls um diese Jahreszeit.
Wir spulten uns durch den Sand und durften am anderen Ende einen endlosen Sandstrand bestaunen.
Welch ein Anblick! Nur wir; drei einsame Punkte in diesem Paradies. Der Himmel schenkte uns
eine fulminante Abendvorstellung in der ersten Reihe.
Dienstag, 15. Mai 2001
Für das es in der Nacht geregnet hatte, war der Himmel ziemlich blau. So schnell geht
das wohl immer am Atlantik. Schnell entschlossen wir uns hier in Faute-sur Mer noch einen Tag
anzuhängen. Bald nach dem Frühstück zogen wir los. Strandlaufen war auf dem
Programm. Und Muscheln suchen. Und nichts tun. Ach, ist das ein schöner Zeitvertreib!
Von mir aus könnte in solchen Momenten einfach die Zeit stillstehen. Dieses nie aufhörende
Rauschen des Meeres. Der Wind, der einem unablässig die Haare zerzaust. Der Sand unter
den Füssen, in den Socken. Ein wunderschöner Moment die Seele zu öffnen und
sich dieser Schönheit einfach ergeben. Diesen Augenblick irgendwo in einem kleinen Zimmerchen
im Herzen aufbewahren um ihm irgendwann wieder die Türe zu öffnen. An jenem Tage,
wo man vielleicht traurig ist und einen schönen Moment im Leben wieder dankend ins Bewusstsein
rufen darf. Dann, wenn dich der Alltag wieder eingeholt hat. Dann, wenn du vergisst, dass es
solche Momente gibt.
Für mich viel zu früh, quengelte Felix, dass es ihm zu kalt sei. Die Memme! Ist er
jetzt ein Bürogummi, oder ich? Was soll's. Ich werde noch mehrmals die Gelegenheit haben
in diese friedliche Welt abzutauchen.
Oben im Dorf stürzten wir uns in die französische Menukarte des kleinen Strandrestaurants.
Schlemmerlé...haben wir feine Sachen gegessen. Hmm...
Muscheln, und Huitres (Austern), Ne, nicht die lebenden, sondern gekocht an einer superfeinen
Knoblauch-Würzsauce. Mir ging fast ein Sch... ab, so fein waren die Dinger. Und stolz
war ich. Wusste nämlich nicht genau was auf mich zukommen wird bei der Bestellung. Aber
am Meer MUSS man einfach solche Sachen ausprobieren. Und bis jetzt war es immer ein Hammer.
Und wie gute alte Touris mussten wir das natürlich fotografisch festhalten. Die Japsen
bei uns knipsen schliesslich das Käsefondue auch, oder?
Mit vollem Bauch und hochzufrieden rollten wir zur Beiz raus.
Felix und Jack übten sich im Frisbée-Weitwurf und vergassen wohl beide, dass in
der Regel der Wind vom Meer herkommt. So landete der Flattermann zum Gelächter aller einmal
weit hinter uns auf der Strasse. Sachen gibt's.
Auf unserem Stützpunkt zurück faulenzten wir was das Zeugs hielt und verdauten die
Früchte des Meeres.
Mittwoch, 16. Mai 2001
Aufbruch Richtung Norden. Wenn wir schon hier sind, reicht die Zeit auch aus um die Bretagne
zu erkunden. Gesprochen und ausgeführt. Der Küste entlang bei Les Sables d'Olonne
vorbei, ging's vorwärts Richtung St. Nazaire. Vom Wetter her hatten wir ein riesiges Glück.
Regen kam keiner, obwohl es manchmal verdächtig knapp daran vorbeiging. So der Karte nach
konnten wir schon erahnen, das es wohl eine riesige Brücke sein müsste, die die Loire
vor ihrer Einmündung ins Meer überqueren würde. Dass es aber ein so gewaltiges
Ding sein würde, hätten wir nie erwartet. Du liebe Güte, so was haben wir dann
noch nie überquert! Zum Glück war das ganze 4-spurig, wir hätten sonst den ganzen
Feierabendverkehr lahmgelegt. Mehr oder weniger mit Schuss kletterten wir die riesige Steigung
hinauf. Die Augen wussten fast nicht wo zuerst hinschauen. Es gab in dieser Höhe zu viel
zu bestaunen. Riesige Frachter lagen im Hafen. Schiffe und Kräne überall, so weit
das Auge reichte. Mein Mundwerk konnte über diese Aussicht nicht stillsitzen: Wuha...Jey...Ohw...Buahhh...Maahnn...
Mit unseren kleinen Vehikeln über ein solch gigantisches Bauwerk zu "fliegen",
war vollultrakrass. Die Steigung wollte nicht mehr aufhören und für die Runterfahrt
half der starke Wind kräftig mit, mich auch wieder mal auf die Fahrbahn zu konzentrieren.
Hab den Wandschrank hinten drauf mit Jack schön gemerkt. Wieder unten auf sicherer Erde
mussten wir zuerst einmal ein Timeout nehmen. Uns unsere Eindrücke mit wilden Gesten und
stolzem Eifer mitteilen. Diese 7km lange Brücke hat uns fast vom Sockel gehauen. Eindrücklich.
Mit dem arg zugenommenen Verkehr wurstelten wir uns durch die Stadt um wieder auf "unsere"
Strassen zu gelangen. Wenn du mit Siebzig km/h unterwegs bist und dich auf Schnellstrassen
die Lastwagen donnernd überholen, weißt du warum du zwei Hände hast um den
Lenker zu halten...
An der Landzunge bei Turballe im kleinen Ort Piriac-sur Mer, genauer in Kercabellec (brettone!)
wurden wir im Camping "le Welcome" willkommen geheissen.
Donnerstag, 17. Mai 2001
Am Morgen genoss ich diese eigenartige Ruhe in der kleinen Meeresbucht. Sah der Flut zu, wie
sie sich langsam aber stetig den Teil Land zurückeroberte, den die Ebbe freigelegt hat.
Ich war allein mit Jack. Eine wunderschöne Stimmung um diese Zeit. Diese tiefe, glückliche
Ruhe, die mir die Tränen in die Augen drückte. Einfach so. Sah der Möwe zu,
die sich kurz ganz nah neben mich setzte, ihre heiseren Schreie zusammen mit dem Wind davontragen
liess und am Horizont verschwand. An diesem Morgen starb zu Hause meine Grossmutter. Zufrieden
und glücklich, dem Leben leise Adieu geflüstert und wie die Möwe, frei von allem,
dem blauen Himmel entgegen... Ich danke dem lieben Gott, dass er mir an diesem Morgen diese
Zeit der Ruhe geschenkt hat.
Um zu fühlen. Um es zulassen zu können.
Im Camping zurück, war Felix auch bereits munter am werken. Unser Aufbruch blieb nicht
unbemerkt. Lustigerweise haben sich alle Leute, die teilweise ganzjährig in ihren schmucken
Bungalows im Camping leben, um uns geschart. Gestern abend, als wir unseren kleinen "Zirkus"
in ihrem "Dorf" aufstellten, wurden nur neugierig die Vorhänge scheu auf die
Seite geschoben. Mehr nicht. Heute Morgen lag unsere Landkarte auf der Wiese und alle bestaunten
unsere bisherige Route. Es wurden Erinnerungsfotos für die Enkel geschossen und ein kleines
herzliches Plauderstündchen nahm seinen Lauf. Einem ihrer Vorschläge zu Grunde, peilten
wir für heute die Durchquerung der Bretagne Richtung Norden an. Ziel war der Mont St.
Michel.
Die Bretagne ist wie eine kleine geheimnisvolle Schatztruhe. Überall entdeckst du wunderschöne
kleine Häuser. Mit so viel Liebe hergerichtet. Blumen in diesem typischen Landesstil in
Töpfen überall vor dem Eingang verteilt. Ein friedliches und ruhiges Land, dem wir
hier begegnen durften. Kleine verschlafene Dörfer mit alten Häusern und imposanten
Kirchen. Jahrhundertealt. Und ich denke, dass das Mystische hier die ganze Zeit überdauert
hat. An vielen Orten könnte man noch heute die geheimnisvollen Geisteshäuser, die
Hexentanzplätze und andere kultischen Stätten auffinden, wenn man sie suchen geht.
Leider hatten wir keinen gefunden. Auch nie die Gelegenheit die eigene Sprache der Brettonen
zu hören.
In diesem rauhen, herben Land lebt seit jeher ein eigenes stolzes Bauernvolk. Als eine der
letzten Regionen schlossen sie sich an das restliche (damals noch königliche) Frankreich
an. Die Sprache blieb erhalten und wird heute immer mehr wieder auch in öffentlichen Ämtern
und Schulen stolz als Kulturerbe gepflegt.
Ganz an die nördliche Küste schafften wir es heute nicht mehr. In Broons, nordwestlich
von Rennes, übernachteten wir.
Freitag, 18. Mai 2001
Auf Richtung Norden. Auf zum Cap Fréhel. Endlich sahen wir die Klippen, von denen wir
zu Hause geträumt haben. Ein riesiger Leuchtturm dazu. Die Brandung weit unten, schäumend
und tosend. Die Natur kann wunderschön sein. Und solche Naturschauspiele ziehen automatisch
Touristen an. Genau wie wir, waren bereits zig andere dort. Wir trafen sogar einen Reisecar
voller Schweizer aus dem Glarnerland. Er war amüsant mit den vornehmlich älteren
Garde über unsere Art der Fortbewegung zu reden. Am liebsten hätte der eine oder
andere Herr sein Köfferchen gepackt und wäre mit uns weitergezogen...
Via den kleinen und um diese Jahreszeit ruhigen Strandorten St. Briac und
St. Lunaire steuerten wir nun westlich, dem Mont. St. Michel entgegen. Von weitem ist dieses
Monument erkennbar. Dort angekommen, löscht es einem aber fast ab. Wenn man all die verborgenen
kleinen Schönheiten der Bretagne angetroffen hat, wirkt der Ort rund um den Mont St. Michel
ziemlich ernüchternd. Ein Hotel und ein Restaurant nach dem anderen, jedes mit einem noch
bescheuerterem Namen, locken die wohl zigtausend Besucher sich bei ihnen niederzulassen. Als
auf dem riesigen abgesperrten Parkplatz vor dem Inselkloster noch Gebühren verlangt wurden,
hat es Felix's Nervenkostüm zerrissen. Der riesige Felsen, auf dem die gewaltige gotische
Klosterkirche aus dem 10. und 11. Jahrhundert steht, sah von weitem eh noch viel eindrücklicher
aus. Mein Schatz fand an der Biscuit-Fabrik mit Direktverkauf nah am Mont. St. Michel viel
mehr Gefallen. Und als wir sie dann alle durchprobiert hatten, hat er auch mich überzeugt,dass
es nichts ausser Schoggi gibt um einen Tag köstlicher zu versüssen. Und wie!
Grosse Lust nah am Felsen einen Camping zu suchen, hatten wir beide nicht. Also brausten wir
noch ein Stück Richtung Normandie, der kleinen Stadt Grandville entgegen. Mit Gratis-Blick
auf die "Pyramide der Meere"; (ich wusste doch, dass ich noch eine Pyramide in diesen
Ferien sehen werde...) haben wir uns für die nächsten 3 Tage in der Baie du Mont
St. Michel im Örtchen St. Jean-le Thomas, direkt am Meer gelegen, gemütlich eingenistet.
Samstag/Sonntag, 19./20. Mai 2001
Die Tage in der Normandie waren gefüllt mit langen, einsamen Spaziergängen am Strand,
Dünenwanderungen, Muscheln suchen, mit Jack im weichen Sand Frisbée spielen, die
wunderschönen Sonnenuntergänge am Meer bestaunen, das immerkehrende Spiel von Ebbe
und Flut beobachten.
Am Sonntag brachen wir zu einem kleinen Ausflug Richtung Norden auf. So wild und windig diese
Region auch sein mag, genau so ruhig und schön ist sie.
Auch geschichtlich wurde hier einiges bewegt. Auf dem Kap hoch über der Stadt Grandville
stehen noch heute die stummen Zeugen des 2. Weltkrieges. Kanonenbunker, ins weite Meer gerichtet.
Was für ein menschliches Drama musste hier geschehen sein? Welche Grausamkeit ein Krieg
für immer sein wird. Heute spielen Schulkinder lachend Verstecken spielen rund um die
mit Gras und Moos überwachsenen Betonbunker. Eine viel bessere Verwendung!
In einer kleinen Hafenbeiz, dort wo die Schiffe die nah gelegenen englischen Jersey-Inseln
ansteuern, genossen wir ein kühles Cola, bevor wir auf den kleinen Küstenstrassen
zurück in die Baie de St. Michel zu unserem selbstgemachten Nachtessen fuhren.
Montag, 21. Mai 2001
Auf Wiedersehen Atlantik! Du hast uns deine schöne eindrückliche Seite hier in der
Bretagne und Normandie gezeigt. Wir wurden viele Male vom Winde fast verweht, haben uns teilweise
am Abend immer mehr Pullover übergezogen.
Und vielleicht war es gerade dieses rasche Wechselspiel der Winde, das uns diese Zeit am Meer
so wunderschön in Erinnerung bleiben lässt.
Wehmütig blickte ich ein letztes Mal zurück, um bei der nächsten Kurve bereits
von Wiesen und Feldern umgeben zu sein, die nie erahnen liessen, dass der Atlantik nur ein
paar Meter weiter vorne begann.
Bei schönstem Wetter brausten wir durch's Land, hinunter an die Loire. Kurs südlich,
Richtung Angers. Die kleinen Dörfer hab ich richtig lieb gewonnen. Am liebsten hätte
ich jeweils jedes zweite Häuschen fotografiert, so liebenswürdig wie sie sich da
in diese Landschaft einfügten.
Es wurde eine lange interessante Fahrt bis an die Loire. In St. Georges-sur Loire überquerten
wir stolz den Fluss. Wieder mal ohne Probleme die Grossstadt Angers fein säuberlich umfahren.
Der Hintern stöhnte friedlich auf, als wir im kleinen Städtchen Brissac-Quincé
den Camping ansteuerten. Inmitten von wunderschönem Grün, dass die Loire und seine
Umgebung sanft umschliesst. Zu einem für uns sagenhaft günstigen Preis ergatterten
wir im kleinen Campingladen einen feinen Tropfen Wein. Der wurde gleich zu Ehren des schönen
Wetters angezapft. Hicks. Vom nah gelegenen Teich kamen dann bald die bereits bekannten Orchestertöne
der wohl unzähligen Frösche. Ein richtiges Konzert, dass die Kleinen uns jeweils
in den Nächten boten.
Dienstag, 22. Mai 2001
Durch die sanften Hügel im Loire-Tal hinauf- und hinunter, vorbei an endlosen, kleinen
Weinbergen, stattlichen, alten Villen und kleinen Schlössern zogen wir mal der Loire entlang
und mal weit oben in den Weinbergen dahin. Gemütlich hielten wir da mal an und dort.
Wir kamen unserer Route, welche wir Richtung Atlantik eingeschlagen hatten einmal "fast"
in die Quere, um genau 19 km trennten wir uns, bevor wir bei Loudon wieder in das Gebiet Indre
et Lore hinaufstachen. Wir waren mitten im "Garten Frankreichs", wie das Gebiet Soulogne
auch genannt wird. In Chinon, mit seiner alten, einst sehr mächtigen Schlossanlage, haben
wir direkt am Ufer der Vienne einen Nachtplatz gefunden. Freie Sicht auf die alten Türme
des Schlosses, gleich gegenüber, am anderen Flussufer. Hier in diesem Ort kämpfte
die stolze, ihr Land so sehr liebende Jeanne d'Arc um die Würde, die sie verdient hatte.
Hier traf sie ihren König. Und war trotz allem bereits verloren im Strudel der Macht.
Mittwoch, 23. Mai 2001
Inmitten durch das bekannte Weingebiet Loire-Anjou kurvten wir gemächlich durch die Gegend.
Fanden wieder die kleinen, verträumten Strässchen, die so herrlich mit unseren ATV's
zu befahren sind.
Unterhalb von Tours, dem Fluss Indre entlang, zog es uns wieder hinauf an die Loire. Zwischen
Amboise und dem heutigen Zwischenstop in Chaumont-sur Loire mit seinem Bilderbuch-Schloss,
trafen wir die lustigen kleinen Felswohnungen an, welche die Bewohner in diesem Teil der Loire
direkt in die Felswände hineingebaut haben. Und diese immer kühlen, dunklen Höhlen
natürlich hauptsächlich dazu verwenden um den Loire-Wein zu lagern. An unzähligen
kleinen Degustations "Caves de la Loire" fuhren wir vorbei, die einem richtig anmachten
die feinen Tropfen zu köstigen. Tapfer bissen wir uns durch, mit nem Rausch in der Birne
wären aus unseren Quads sicherlich bald U-Böotchen geworden, der Fluss war zu nahe...
Donnerstag, 24. Mai 2001
Auf der Route der Loire-Schlösser konnten wir natürlich nicht an Chambord vorbeifahren.
Schon der Park, mit seinen nie aufhörenden Mauern eingerahmt, zeugte davon, dass wir wohl
eine der ruhmvollsten königlichen Hochburgen ansteuern würden. Die Überraschung
war gross, dass man für einmal gratis die ganzen Anlagen besichtigen konnten. Teilweise
fuhren wir an, wohl ganz sicher, wertvollen und ehrwürdigen Baukünsten alter Jahrhunderte
vorbei, aber für die Besichtigung einer kleinen Windmühle Eintritt zu bezahlen, um
zehn Stufen im Dunkeln hinaufzukraxeln, liessen wir aus Sturheit bleiben...Oder die eine Variante
mit dem elektrischen Kitsch-Mini-Zug durch ein altes Stadtviertel zu kutschieren, entsprach
auch nicht ganz unseren Vorstellungen. Teils werden schon kuriose Sachen angeboten, um dem
Touri alles so einfach wie möglich zu gestalten. Vielleicht kommen wir in fünfzig
Jahren darauf zurück...
In Chambord jedenfalls watschelten wir gemütlich durch den riesigen Park. Standen wie
hundert andere Menschen heute (es war Auffahrt) auf dieser mondänen Anlage, die wohl zu
den schönsten der Renaissance gehört. Teilweise wird vermutet, dass Leonardo da Vinci
seine künstlerische Hand in diesen Gemäuern hinterlassen hat. Nein, sie ist im nicht
abgefault; aber ihr wisst was ich meine, oder?
Kurz auch noch was zur Statistik: Das Schloss besitzt 440 Zimmer, hat 389 Kamine und 89 Treppen.
Gigantisch das Ganze! Und jedes Türmchen ist auf seine Art kitschig verziert. Ein riesiger
Pferdestall, ein kleiner Kanal, ein See und ein riesiger Wald umzäunen das ganze Anwesen.
Namhafte Könige haben hier Leben in die Gemäuer gehaucht. Gebaut von Françoise
I, um eigentlich nur seiner Jagdleidenschaft, die in dieser Gegend mit Wildschweinen, Rehen
etc. vielfältig ist, zu frönen, hat den Auftrag für den Bau gegeben. Später
war sogar Louis XIV für einige Jahre der Chef im Hause.
Ein phänomenales Schauspiel muss die nächtlichen Lichtshow sein, die hier im Park
aufgeführt wird. Mit Musik und Gesängen hintermalt, wird das Schloss und seine Umgebung
mit Lichtstrahlen in ein mystisches Wunderwerk verwandelt. Das ist sicherlich eindrücklich.
Wir gewöhnliches Quad-Völkchen verabschiedeten uns vom Adel und zogen wieder durch's
Land. Der Baustil in den kleinen Dörfern hat sich verändert. Jetzt sind kleine, rote
Backstein-Häuschen anzutreffen. Jedes schmucker als das andere verziert. Romantisch und
wohl auch schon sehr alt, bilden sie die vielen kleinen Dörfchen unterhalb der Stadt Orléans.
Namen, die ich gar nicht recht weiss wie auszusprechen, wie z.B. Dhuizon, Neung etc.
Eine reizvolle Landschaft, und immer wieder da und dort ist ein kurzer Blick auf ein kleines
oder grösseres Château zu erhaschen, das stolz und mächtig hinter riesigen
Mauern hervorblickt. Ich verstehe jetzt all die Könige die samt ihrem riesigen Hofadel
diese Region als ihre "Heimat" auserkoren haben und diese unzähligen Schlossanlagen
im Tal der Loire erbauen liessen. Manchmal sind die kuriosesten Verbindungen verschiedener
Zeitepochen in einem Bauwerk vereint. Je nach König und dessen Reisen in die Welt wurde
da ein neuer Flügel angebaut, dort ein Wehrturm zusammengerissen und nach der aktuellen
"Baumode" wieder neu gestaltet. Das muss ein ständiges Werken und Auf-und Niederreissen
gewesen sein in all diesen Jahrhunderten!
Viele Anlagen sind auch in Privatbesitz und richtiggehend von der Welt abgenabelt. Welche Feste
man dort wohl feiern wird? ...oder wohl auch nicht, denn wahrscheinlich beissen sich viele
an den enormen Kosten, die ein solches Baudenkmal mit sich bringt, die Zähne aus...
Laut Landkarte waren wir jetzt genau unterhalb von Paris, Dies wäre per Autobahn nur noch
ca. 140 km entfernt. Aber das lassen wir doch bleiben...
Wir geniessen das Landleben und die Sonne, die verbrannte Nase vom Wind (gell, Felix?) und
die immer noch schneeweissen Beine (gell, Manu?).
Ein eher fahler Beigeschmack hinterliess in dieser Gegend die "moderne" Baukunst
der Menschheit: Die Atomkraftwerke. Entlang des grossen Flusses stehen viele dieser monströsen
Betonklötze. Manchmal erschauderte es mich fast, wenn ich im selben Blickwinkel vor mir
ein Schloss und in der Ferne dahinter ein solches Kraftwerk sah. Irgendwie völlig grotesk
dieses Bild. Und irgendwann werden unsere Nachfahren diese grossen Betonkamine als Sehenswürdigkeit
(samt Eintrittsgeld...) bestaunen, dann, wenn die Schlösser zu Sande verweht sind. Melancholieehh...
In der Nähe von Gien haben wir einen Camping der obersten Luxusklasse "gefunden".
Mit eigenem geheiztem Hallenbad, gediegenem Restaurant, Kanälen, auf welchen man Kanufahren
konnte. So richtig auf Stadtmenschen ausgerichtet. Mehrheitlich waren Bungalows anzutreffen.
Als wir uns mit unseren Gefährten und unserem genialen Dachzelt, mit unserem Hund und
allem was dazugehört, hinpflanzten, hätten auch wir glattweg Eintrittsgeld verlangen
können zur Besichtigung.
Aber lustig und ungewohnt ist das ganze halt alleweil. Nur vergisst man es selber fast und
nimmt es als "gewöhnliches zelten" auf. Bis wieder mal ein Bub mit grossem offenstehendem
Mund vor uns steht, kein Wort rausbringt und nur ungläubig unser Werken beobachtet.
Eigentlich wäre heute normales Kochen angesagt. Doch bei einem Rundgang durch diesen Erlebnispark
kapitulieren wir doch kleinlaut, als wir entdeckten, dass man in diesem Luxus-Camping sogar
das Essen bestellen kann und in sein Zelt mitnehmen konnte. Der vorher stolz aufgestellte Kocher
wurde unbenutzt belassen, dafür wurde kurze Zeit später der Tisch mit einem riesigen
Poulet vom Grill, Pommes und einer Flasche Wein verziert. Fast wie beim Drive-In bei Mc Donald's,
oder? Und für Jack war nachher auch fast wie Weihnachten, als er den riesigen Knochenhaufen
sah.
Eine unruhige Nacht war es trotz allem Luxus, den nebenan quasselten und lachten Teenies bis
spät in die Nacht hinauf. Wir ziehen das nächste Mal einen einfacheren Camping wieder
vor.
Freitag, 25. Mai 2001
Langsam aber sicher werden wir heute die Loire verlassen. Bei Cosne-sur Loire überquerten
wir sie ein letztes Mal. Zuerst nur der Kanal, auf welchem man gediegen mit Hausbooten von
Schleuse zu Schleuse ruhige, verträumte Angler-Ferien machen kann. Und dann die gute alte
Loire, immer noch breit und sanft fliessend. Mit den mit Büschen und Bäumen gesäumten
Ufern, den Sandbänken und kleinen Inseln. Adieu, wilder langer Fluss.
Unser Ziel war heute nicht gross vorgeplant. Mal schaun, wo uns die Strassen und Ortsnamen
hinbringen, denen wir folgten. Und es wurde eine der fast friedlichsten Routen. Um uns herum
nur Weisen, Felder, friedlich grasende Kühe, sanfte Hügel und die Strassen, so schmal,
dass gerade mal ein Auto darauf Platz fand. Zwischendurch wieder mal ein einsamer Hof. Sonst
nichts. Nur wir und diese ländliche Ruhe und Gelassenheit.
Schon bald trafen wir auch die Weinberge an. Unverkennbares Zeichen, dass wir fast in der Bourgogne
sind. In Vincelles, am Fluss Yonne lagerten wir nun für die nächsten 2 Nächte.
Genossen das schöne Wetter, die ruhige Landschaft und liessen es uns gutgehen.
Samstag, 26. Mai 2001
Wir schliefen solange bis es im Zelt fast wie in einer Sauna dampfte. Schönstes Wetter
draussen. Nichts wie raus und rein in die kurzen Shorts. Ach, ist es herrlich nichts tun zu
müssen! Wir faulenzten rum, liessen uns von der Sonne braten, spielten endlos "Tschau
Sepp", ein lustiges Kartenspiel, bei welchem dem einen oder anderen das Bescheissen immer
wieder gelang, oder Felix? Dösten ab und zu in der warmen Sonne wieder ein und taten den
ganzen Tag so als ob wir Ferien hätten...
Felix machte mit dem Grizzly noch einen kleinen Ausflug durch die nähere Umgebung. Als
er zurückkam, wirkten seine Augen leicht frustriert. Und als ich dem Motor auch ein bisschen
mehr Gehör schenkte, wusste ich auch warum. Der Riss am vorderen Auspuff-Krümmer
hat sich ganz fröhlich weiter vorgekämpft, der Scheisser. Der Motorensound klang
so zwar ziemlich cool, aber das war es auch schon mit Coolsein. So weit so gut, die Grizzly's
scheinen wohl doch nicht die idealen Fahrzeuge für längere, ausgiebigere Beanspruchungen
geeignet zu sein, jedenfalls nicht so wie wir unsere Touren planen. Schade drum, denn es macht
höllisch Spass mit diesen Vehikeln auf Achse zu sein. So wie's aussah, konnte der eine
Auspuff-Krümmer nicht mehr sehr lange halten. Und voll logisch, dass es wieder mal an
einem Wochenende sein musste! Wir versuchten noch am gleichen Tag eine Notoperation mit Spezialklebeband
für Auspuffrohre. Beim ersten richtigen Warmlaufen schmörzelte dieser Verband sich
jedoch wieder in seine Atome auf, es roch wieder munter zu allen Rissen raus und der Motor
krachte in voller Lautstärke vor sich her. Machen konnten wir nicht viel mehr, warten
auf Montag und versuchen uns in der nahen Stadt Auxerre auf ein Yamaha-Motorgeschäft zu
stürzen und einen neuen Auspuff-Krümmer zu bestellen. Der Versuch den späten
Samstagnachmittag mit einem feinen Nachtessen im Dorf zu retten, ging auch in die Hosen. Die
Beiz war brechend voll, unsere Bäuche brechend leer, die Salznüssli , Schoko-Cookies
etc. den ganzen Tag durch, haben im Endeffekt doch keinen grossen Nährwert, ausser brechend
vielen Kalorien.
Und um 21.00 h stank es uns fürchterlich nochmals die Kochtöpfe zu schwingen. So
haben wir halt unseren Notproviant gekillt. Genau für solche Tage eingeplant. Himalaya-Food
aus dem Trockenbeutel, mit heissem Wasser aufgekocht, eine nahrhafte und allen Vorurteilen
zum Trotz feine, schmackhafte Sache.
Unsere Ranzen wieder befriedigt, stiegen wir unser Leiterchen hinauf und hörten dem Froschkonzert
zu, dass sich unmittelbar neben dem Camping, am Canal de Nivernois abspielte.
Sonntag, 27. Mai 2001
Wieder ausgeschlafen bis die Sonne so gnadenlos auf's Dachzelt brennt, dass es eine Freude
war. Wir haben eh jeden Tag den Wecker würdevoll missachtet, der hat's wohl gut gemeint,
wenn er um halb neun vor sich hinkrächzte. Wir waren stärker!
Motorenlärm hin- oder her, wir starteten heute eine friedliche kleine Rundfahrt quer durch
die Landschaft im Burgund. Weinberge säumten unseren Weg, genau so wie stolze Herrenhäuser
und kleine Höfe. Zurück bei unseren Habseligkeiten, wuschen wir die schmutzigen Kleider.
Hängten dann genau wie diese in der Sonne rum und taten rein gar nichts, ausser rumhängen.
Montag, 28. Mai 2001
Eigentliches Ziel heute war den Auspuff zu reparieren. Erreichtes Ziel war heute etwas GANZ
anderes. Trotz dankbarer Hilfe der Campingbetreiberin mit zig Telefonaten in die nahe Stadt,
mit Wegbeschreibung etc., standen wir am Schluss vor geschlossenen Türen einer Yamaha-Vertretung.
Montag geschlossen. Darum nahm niemand das Telefon ab. Frustriert über soviel Pech war
die Entscheidung schwer, was als nächstes zu tun sein könnte. Warten auf Dienstag,
die Ferien verlängern, den Grizzly standesrechtlich erschiessen? Der antwortete zu allem
Übel noch mit weiterem Ölverlust, den er in alle Himmelsrichtungen verschleuderte.
Das kam ja zum gerissenen Rohr noch dazu. Schon seit fast Mitte Ferien verteilte der Motor
von Felix's ATV sein schwarzes Gold in alle sechs Ecken Frankreichs. (Und zu Hause bestätigte
sich der erste Verdacht auch, dass es tatsächlich ein gerissener Simmenring in der Antriebswelle
war, der den schmierigen und teuren Schlamassel verursacht hatte).
Den Grizzly haben wir an diesem Morgen (zum Glück für ihn) nicht ermordet, zurück
nach Vincelles wollten wir auch nicht. Und Hunger hatten wir auch...
Die Rettung für einen frustrierenden Montag war ein kleines Bijoux von einem Beizchen,
das Felix im Dörfchen St. Bris le Vineux entdeckte. So unscheinbar klein und bescheiden
von aussen, haben wir drinnen die kulinarischen Köstlichkeiten eines Meisterkoches entdecken
dürfen. Mit genau dem Charme, den Franzosen so liebenswürdig machen, mit diesem verschmitzten
Lächeln im Mundwinkel, so galant und stolz. Genau so wohl fühlte man sich in diesem
kleinen Bistro. Ich wagte mit mir selber wieder mal ein Experiment und bestellte als Vorspeise
die "Escargôts au sauce burgoundonnaise". Und ich wurde nicht enttäuscht.
So wundervoll gegessen haben wir schon lange nicht mehr. "La côté boeuf avec
une sauce de vin rouge" zerfloss fast im Gaumen. Mit einer solchen Hingabe und unverkennbar
als Meister seines Faches brutzelte der Patron seine Speisen, mit für das Auge wunderschön
hergerichteten Tellern tauchte er wieder aus seinem kleinen Küchelchen hervor. Nebenbei
bei anderen Gästen auf die gleiche sehenswerte Weise Bestellungen aufgenommen, dort einkassiert,
da ein paar Sprüche. Es war ein kulinarisches Erlebnis der Höchstklasse für
uns. Mit einem feinen Nussschnaps verabschiedeten wir uns aus diesem kleinen Wundertrückchen,
in einem kleinen Dorf, mitten im Burgund.
Zurück in die Welt der Grizzly's und Yamaha: Zu unserem Bedauern konnten wir bei Yamaha
Frankreich innert nützlicher Frist keinen Ersatz bestellen. Um nicht Tage zu versäumen,
entschlossen wir uns für die Weiterfahrt Richtung Osten. Die einen mit einem leisen Motor,
die anderen mit einem "bisschen" lauteren...
Trotz Bammel, wann und wo sich das Rohr endgültig verabschieden würde, kamen wir
erstaunlich weit. Die Bemühungen, das Rohr provisorisch schweissen zu lassen, scheiterten
im Burgund bei einer Werkstatt, die keine Zeit hatte für solche Sachen, oder bei einer
Carrosserie an den Werkzeugen (!). Die Franzosen-Leute können auch anders als charmant
sein...
Also ging die Fahrt munter weiter. Weiter als wir am Morgen früh gewagt hätten zu
hoffen. Fast 250km hatten wir heute runtergeschnetzelt, trotz allem.
Westlich der Stadt Langres in einem kleinen Dorf namens Auberrivé schlugen wir zum letzten
Mal in diesen Ferien unser Zeltchen auf.
Trotz allen Nöten und sonstigen Schüben; was hätte es auch gebracht?, jagten
wir uns gemeinsam alle drei mit dem Frisbée durch die Gegend. Hatten einen fulminanten
Auftritt mit unseren Gefährten bei den anderen Camping-Menschen und genossen unseren Status
als wahnsinnige Abenteurer. Ha! Wenn die wüssten...
Dienstag, 29. Mai 2001
Wow, wenn es um neun am Morgen schon 26° Grad hatte, konnte es nur ein heisser Tag werden.
Und für wahr, für wahr. Bei Pausen oder beim Tanken, egal bei welchem Halt, der Fahrtwind
danach war eine Wohltat. Heute hat uns im Gegenzug zum Hagelsturm auf der l'Ile d'Orléan
wohl manch anderer Strassenbenützer beneidet. Und wir kamen Bains-les Bains und dem Häuschen
von René + Agi immer näher. Desto näher wir kamen, desto mehr fing schon eine
stille Wehmut tief in mir drin an zu rumoren. Diese wunderschönen Tage neigen sich langsam
dem Ende zu. Die grosse Brückenüberquerung an der Mündung der Loire, die verwinkelten
Gassen in den kleinen Dörfern in der Bretagne, diese rauhe, so liebgewonnene Küste
in der Normandie, der Duft der Rapsfelder, die Schlösser im Tal der Loire, die einsamen
Strassen durch die sanften Hügel der Bourgogne, im Herzen Frankreichs gewesen zu sein,
im Centre. Vorbei, erlebt und genossen. Erinnerungen, die für immer bleiben. Eine Reise
voller Spannung und Lust.
Vorbei an einem kleinen Hof, schwirrt eine Erinnerung herauf. Diesen Ort haben wir von drei
Wochen passiert, hielten an um die Karte zu studieren, als eine alte Dame auf uns zuschritt
und höflich fragte: "Vous êtes perdu?" Non, non, Madame, wir haben uns
nicht verirrt, wir sind auf dem Weg Ihr wunderschönes Land im Frühling zu durchqueren,
auf dem Weg zum atlantischen Ozean!
Au revoir et à bientôt! Und nach gut 3'000 km überqueren wir die gleiche
kleine Brücke an ihrem Hof vorbei, nur in die andere Richtung.
"Verloren" haben wir uns nie; im Gegenteil,
viel von uns gefunden. Sehr viel...
Bonne route!
PS: sind trotz defektem Auspuff und Ölsalat im Prättigau sicher und zufrieden angekommen...
printemps, 2001 ©femaja-team